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Video-Filmkritik : Woody Allen in Hochform

Bild: Warner Bros.

Cate Blanchett war noch nie so gut: Woody Allens neuer Film „Blue Jasmine“ erzählt von einer neureichen New Yorkerin, die plötzlich vor dem Nichts steht und bei ihrer chaotischen Schwester einzieht.

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          Einen zu Tode zitierten Satz von Tolstoi könnte man folgendermaßen abwandeln: Alle schlechten Filme von Woody Allen sind auf dieselbe Weise schlecht, alle guten Woody-Allen-Filme sind auf jeweils andere Art gelungen. Aber das stimmt natürlich nicht. Denn auch die gelungenen Filme von Woody Allen ähneln einander.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Zum Beispiel darin, dass sie alle mit großartigen Schauspielerinnen besetzt sind. Scarlett Johansson! Penelope Crúz! Helen Hunt! Naomi Watts! In den weniger großartigen Allen-Filmen dagegen, wie „Anything Else“, „Cassandras Traum“ und zuletzt „To Rome With Love“, stehen zwar auch tolle Schauspielerinnen vor der Kamera (Cristina Ricci! Hayley Atwell! Judy Davis! Greta Gerwig!), aber ihre Auftritte prägen sich nicht wirklich ein. Irgendetwas, scheint es, geht gelegentlich schief bei dem alten, schönen Kinospiel „Woody und die Frauen“. Und deshalb liegt der Tolstoi-Spruch vielleicht doch nicht ganz daneben.

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          Eine einzige Idee

          Denn die schwächeren Woody-Allen-Filme (siehe auch „September“ und „Celebrity“) sind fast immer Konzeptfilme. Sie haben viele große Ideen, und sie legen sie den Darstellern auf die Schultern, egal, ob sie sie tragen können oder nicht. Die besseren und auch die allerbesten Werke Woody Allens haben oft nur eine einzige Story-Idee. Manchmal ist diese Idee auch nur ein Gesicht. In „Blue Jasmine“ ist es das Gesicht von Cate Blanchett.

          Am Anfang des Films sitzt Cate Blanchett neben einer alten Dame im Flugzeug und plappert wie ein Wasserfall. Aus den Wortfluten, die sich aus ihrem Mund über die Sitznachbarin ergießen, kann man sich ungefähr zusammenreimen, dass sie in New York Schiffbruch erlitten hat und dringend Luftveränderung braucht. Die Greisin, die im weiteren Verlauf des Films keine Rolle mehr spielt, flüchtet am Gepäckband in die Arme ihrer Familie, während Cate Blanchett alias Jasmine per Taxi in eine Gegend in downtown San Francisco fährt, die zu ihrem Designerjäckchen ungefähr so gut passt wie ein Hundehaufen zu einem Manolo-Blahnik-Schuh. Hier wohnt der letzte Strohhalm ihres Lebens: ihre Schwester.

          Luxusgeschöpf mit leerem Konto

          Cate Blanchett hat noch in keinem Woody-Allen-Film mitgespielt. Sie war die marmorkalte, liebesglühende englische Königin Elisabeth, die wundermilde und wunderschöne Elbenherrscherin Galadriel in Peter Jacksons Tolkien-Verfilmungen, die gefühlssturmgepeitschte Katharine Hepburn in „Aviator“, die ewige Liebe von Brad Pitt in „Benjamin Button“. Sie hat Agentinnen, Journalistinnen und sogar Bob Dylan verkörpert. Aber noch nie eine Frau wie Jasmine in „Blue Jasmine“. Eine Ex-Neureiche aus New York. Ein Luxusgeschöpf mit Louis-Vuitton-Koffer und leerem Bankkonto. Ein Opfer der Mode und der Finanzkrise. Ein Nichts. Vor einem Jahr hat Cate Blanchett als Lotte in einer australischen Version von Botho Strauß’ „Groß und Klein“ in Europa gastiert. Das ist der Typus, zu dem Jasmine gehört: Frau Jedermann im Cocktailkleid. Vom Gelde verweht an die Golden Gate.

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          Dort, bei ihrer prolligen Schwester Ginger (die ihr gar nicht ähnlich sieht; beide sind adoptiert), trifft Jasmine auf jenes richtige Leben, das nicht nur im Kino das Gegenteil des guten Lebens ist. Auf den groben Klotz, mit dem Ginger verheiratet war (zwei Rotzbengel sind seine materielle Hinterlassenschaft). Auf den tumben Tor, mit dem sie zusammenziehen will (seine Hobbys: Bier und Fernsehen). Und auf die moderne Arbeitswelt, in der Computerkurse Depressionen auslösen und Sprechstundenhilfen nach Dienstschluss als sexuelles Freiwild für notgeile Zahnärzte dienen. Der Redeschwall, mit dem der Film begonnen hat, verwandelt sich jetzt in einen Sturzbach von Martinis, mit denen Jasmine die Zumutungen ihres Prekariatsdaseins herunterspült. Bis sie auf einer Afternoon-Party mit Golden-Gate-Bridge-Blick den Diplomaten Dwight (Peter Sarsgaard) kennenlernt, einen Mann wie aus dem ewigen Rezeptbuch für Happy Ends. Er ist ledig. Er ist reich. Und er will sie nach Wien mitnehmen, in die Hauptstadt des Schmähs.

          Die Maske des Erschreckens

          Dies wäre jetzt in etwa der Moment, in dem die Geschichte, wie in den schwächeren Woody-Allen-Filmen, nach allen Richtungen auseinanderlaufen, in dem sie ihren Fokus, ihre Perspektive verlieren könnte. Denn auch Ginger (die von Sally Hawkins als schallgedämpfte Variante ihrer Stimmungskanone Poppy aus „Happy-Go-Lucky“ gespielt wird) hat sich einen neuen Mann angelacht, so dass das traurige Märchen von der blauen Jasmine leicht in eine süßsaure Schwesternrivalinnenkomödie kippen könnte. Aber Woody Allen denkt gar nicht daran, unsere Aufmerksamkeit zu zerstreuen. Das merkt man weniger an der Handlung selbst als an ihren Pausen. Den Augenblicken, in denen Jasmine innehält und an ihr verlorenes Leben denkt. Dann werden ihre Augen glasig, und ihr Gesicht erstarrt zu einer Maske des Erschreckens. Vor dem Leben. Und vor sich selbst.

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          In den Rückblenden, die mit fast nachlässiger Beiläufigkeit in das Geschehen eingefügt sind (den Schnitt hat Woody Allens bewährte Cutterin Alisa Lepselter besorgt), ist Jasmine kaum mehr als ein Anhängsel ihres Gatten Hal (Alec Baldwin), eines betrügerischen Geldvermehrers im Bernie-Madoff-Stil. Sie lebt sein Leben. Sie nimmt sein Geld. Und er betrügt sie. Als Jasmine das entdeckt (nicht zuletzt dank ihrer Schwester, deren Lottogewinn in Hals Dollarkuckucksheim auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist), schwingt sie sich zur einzigen selbständigen Tat ihres Luxusweibchendaseins auf. Es ist ihr Untergang. Und ihre Rettung. Nicht vor dem Elend: vor der Belanglosigkeit. Zuvor war sie banal. Jetzt ist sie tragisch.

          Der letzte Strohhalm zerbricht

          Man könnte sich die Geschichte gut auf einer zweigeteilten Theaterbühne vorstellen: links Jasmines voriges, rechts ihr jetziges Leben. Aber dann würde das Entscheidende fehlen, das, was das Kino dem Theater voraushat: die Nahaufnahme. Der Blick in Cate Blanchetts Gesicht. Sein gläsernes Erstarren, wenn der Abgrund, dem Jasmine entgegengleitet, wieder ein Stück näher kommt. Sein Aufleuchten, wenn er sich für kurze Zeit entfernt. Mal ist dieses Gesicht wie Reispapier, hinter dem ein dürres Lebenslichtlein brennt. Mal ist es eine Leinwand, über die die verwegensten Hoffnungen, Träume, Phantasien jagen. Man muss weit zurückgehen, bis zu Woody Allens langjähriger Lebens- und Filmgefährtin Mia Farrow, um eine Schauspielerin zu finden, die seiner Art des Erzählens auf ähnliche Weise kongenial ist. Die eine Arbeitsbeziehung ist zerbrochen. Die andere fängt hoffentlich gerade erst an.

          Die amerikanischen Kritiker haben „Blue Jasmine“ als Woody Allens Version von „Endstation Sehnsucht“ gelesen. Aber man könnte in Jasmine natürlich ebenso gut eine Schwester von Flauberts Madame Bovary sehen: die Frau, die das Leben, das sie haben kann, nicht will, und das Leben, das sie haben will, nicht (mehr) bezahlen kann. Am Ende, das eins der schwärzesten seit langem bei Woody Allen ist, hat sie keins von beiden. Der Strohhalm, an den sie sich geklammert hat, ist zerbrochen. Doch sie will es nicht wissen. Sie sitzt auf einer Bank in einem Park, in ihrer letzten Designerbluse, mit wirren Haaren, und wieder redet sie wie ein Wasserfall. Aber nur noch mit sich selbst.

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