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Video-Filmkritik : Woody Allen in Hochform

Die Maske des Erschreckens

Dies wäre jetzt in etwa der Moment, in dem die Geschichte, wie in den schwächeren Woody-Allen-Filmen, nach allen Richtungen auseinanderlaufen, in dem sie ihren Fokus, ihre Perspektive verlieren könnte. Denn auch Ginger (die von Sally Hawkins als schallgedämpfte Variante ihrer Stimmungskanone Poppy aus „Happy-Go-Lucky“ gespielt wird) hat sich einen neuen Mann angelacht, so dass das traurige Märchen von der blauen Jasmine leicht in eine süßsaure Schwesternrivalinnenkomödie kippen könnte. Aber Woody Allen denkt gar nicht daran, unsere Aufmerksamkeit zu zerstreuen. Das merkt man weniger an der Handlung selbst als an ihren Pausen. Den Augenblicken, in denen Jasmine innehält und an ihr verlorenes Leben denkt. Dann werden ihre Augen glasig, und ihr Gesicht erstarrt zu einer Maske des Erschreckens. Vor dem Leben. Und vor sich selbst.

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In den Rückblenden, die mit fast nachlässiger Beiläufigkeit in das Geschehen eingefügt sind (den Schnitt hat Woody Allens bewährte Cutterin Alisa Lepselter besorgt), ist Jasmine kaum mehr als ein Anhängsel ihres Gatten Hal (Alec Baldwin), eines betrügerischen Geldvermehrers im Bernie-Madoff-Stil. Sie lebt sein Leben. Sie nimmt sein Geld. Und er betrügt sie. Als Jasmine das entdeckt (nicht zuletzt dank ihrer Schwester, deren Lottogewinn in Hals Dollarkuckucksheim auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist), schwingt sie sich zur einzigen selbständigen Tat ihres Luxusweibchendaseins auf. Es ist ihr Untergang. Und ihre Rettung. Nicht vor dem Elend: vor der Belanglosigkeit. Zuvor war sie banal. Jetzt ist sie tragisch.

Der letzte Strohhalm zerbricht

Man könnte sich die Geschichte gut auf einer zweigeteilten Theaterbühne vorstellen: links Jasmines voriges, rechts ihr jetziges Leben. Aber dann würde das Entscheidende fehlen, das, was das Kino dem Theater voraushat: die Nahaufnahme. Der Blick in Cate Blanchetts Gesicht. Sein gläsernes Erstarren, wenn der Abgrund, dem Jasmine entgegengleitet, wieder ein Stück näher kommt. Sein Aufleuchten, wenn er sich für kurze Zeit entfernt. Mal ist dieses Gesicht wie Reispapier, hinter dem ein dürres Lebenslichtlein brennt. Mal ist es eine Leinwand, über die die verwegensten Hoffnungen, Träume, Phantasien jagen. Man muss weit zurückgehen, bis zu Woody Allens langjähriger Lebens- und Filmgefährtin Mia Farrow, um eine Schauspielerin zu finden, die seiner Art des Erzählens auf ähnliche Weise kongenial ist. Die eine Arbeitsbeziehung ist zerbrochen. Die andere fängt hoffentlich gerade erst an.

Die amerikanischen Kritiker haben „Blue Jasmine“ als Woody Allens Version von „Endstation Sehnsucht“ gelesen. Aber man könnte in Jasmine natürlich ebenso gut eine Schwester von Flauberts Madame Bovary sehen: die Frau, die das Leben, das sie haben kann, nicht will, und das Leben, das sie haben will, nicht (mehr) bezahlen kann. Am Ende, das eins der schwärzesten seit langem bei Woody Allen ist, hat sie keins von beiden. Der Strohhalm, an den sie sich geklammert hat, ist zerbrochen. Doch sie will es nicht wissen. Sie sitzt auf einer Bank in einem Park, in ihrer letzten Designerbluse, mit wirren Haaren, und wieder redet sie wie ein Wasserfall. Aber nur noch mit sich selbst.

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