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Video-Filmkritik : Wolfsmädchen: Joe Wrights „Wer ist Hanna?“

Bild: Sony Pictures

Ein kleines Mädchen im Kampf gegen die CIA: In Joe Wrights Thriller „Wer ist Hanna?“ liefern sich die Hauptdarstellerinnen Saoirse Ronan und Cate Blanchett ein starkes Duell.

          In den wasserblauen Augen der irisch-amerikanischen Schauspielerin Saoirse Ronan kann man vieles lesen: Sehnsucht, Neugier, Neid, vielleicht auch nur Kälte und Gleichgültigkeit. In Joe Wrights Ian-McEwan-Verfilmung „Abbitte“ brachten die Augen ein Eifersuchtsdrama in Gang, das mit dem Tod zweier Liebender endete.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In Wrights neuem Film „Wer ist Hanna?“ gehören sie einem Mädchen, das mit seinem Vater (Eric Bana) in einer Hütte am Polarkreis lebt. Wenn sie diesen Schalter umlege, sagt der Vater und zeigt auf eine Art Funkgerät, dann habe sie nur noch die Wahl, zu töten oder selbst getötet zu werden. Und Hanna drückt den Schalter.

          Der Film hetzt ein Kommando mit Hubschraubern, eine CIA-Agentin (Cate Blanchett) und eine Truppe von Skinhead-Killern auf sie, ein Aufgebot, gegen das Hanna eigentlich keine Chance hat. Aber natürlich dienen Geschichten wie diese gerade dazu, das Unwahrscheinliche, Aberwitzige im Kino plausibel zu machen. Und am Ende erfahren wir sogar, warum Hanna überhaupt sterben soll. Auch diesen Augenblick der Wahrheit überlebt sie.

          Cate Blanchetts Duell mit Saoirse Ronan

          Die weißhäutige, elfenhafte Hanna könnte die jüngere Schwester der von Angelina Jolie gespielten Doppelagentin Salt aus dem gleichnamigen Thriller von 2010 sein. Aber Wright hatte mehr im Sinn, als noch einen Film zu drehen, in dem sich weibliche Übermenschen ihren Weg durch eine feindliche Welt freischießen und -schlagen. „Wer ist Hanna?“ beginnt damit, dass die Heldin einen Elch erlegt. Später sieht man sie in einer alten Ausgabe von Grimms Märchen blättern. Der Film ist auch eine Reflexion darüber, wie man beides zusammenbringt, das Töten und das Fabulieren, die Action und das Märchenbuch.

          Mal sieht er, etwa in den Szenen im CIA-Hauptquartier, wie eine James-Bond-Parodie aus, dann wieder wie eine Afrika- und Europareise auf den Spuren von Jason Bourne. Und zuletzt entdeckt der Film einen verfallenden Vergnügungspark im Osten Berlins als Kulisse für den Showdown. Hier haust Martin Wuttke als Zeremonienmeister in einem bröckelnden Hexenhaus, und Cate Blanchett kommt beim Duell mit Saoirse Ronan aus dem Maul eines Ungeheuers. Selten hat das alte Spiel vom einsamen Wolf und der Horde, die ihn jagt, auf der Leinwand malerischer ausgesehen.

          Stereotypen des Actionkinos

          Zu dem Spaß, den sich Wright und seine Drehbuchautoren mit den Stereotypen des Actionkinos machen, gehören die vielen Anspielungen auf klassische Vorbilder - von Langs „M“ über Welles' „Lady von Shanghai“ bis zur Praterszene im „Dritten Mann“. So wie Hanna im Mutterleib zur Kämpferin konditioniert wurde, lädt Wright seine Bilder durch Seitenblicke in die Filmgeschichte auf.

          Zwischendurch aber sucht der Film immer wieder, wie jeder bessere Thriller, den Kontakt zur Realität. Dann begleitet er eine englische Touristenfamilie, bei der Hanna auf ihrer Flucht nach Berlin unterschlüpft. Oder die Kamera blickt lange in Saoirse Ronans bleiches, ungerührtes Gesicht. Kann sein, dass diese Augen ein Märchen erzählen. Vielleicht spiegelt sich in ihnen aber auch nur der flüchtige Zauber des Kinos. „Wer ist Hanna?“ macht aus diesem Zweifel eine Kunst.

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