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Video-Filmkritik : Wir sind eure Söhne: „Milk“

Bild: Constantin

Die Freiheit, als der zu leben, der man ist, war für Homosexuelle lange unerreichbar. Harvey Milk gehört zu denen, die das geändert haben. Gus Van Sant hat sein Leben verfilmt.

          3 Min.

          Der Mann, der beginnt, seine Geschichte in ein Tonbandgerät und damit zu uns zu sprechen, ist schon tot. Nachrichtenclips unter dem Vorspann haben uns Szenen von Straßenkämpfen gezeigt, die seiner Ermordung folgten, und solche, die klarmachten, worum er kämpfte - für die Möglichkeit, offen schwul zu leben. Was wir sehen, bevor wir ihn selbst zum ersten Mal vor Augen bekommen, sind Polizisten, die Männer aus Bars ziehen.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Die Eröffnung von Gus Van Sants Film „Milk“ setzt einen todernsten Ton, doch was dann kommt, ist voller Witz, Ironie, Zärtlichkeit und Lebenslust. Ein Biopic, gewiss, aber eines, das nicht den üblichen Stationen von Aufstieg und Fall folgt, sondern uns einen Mann nahebringt, der in den siebziger Jahren die zentrale Figur der Schwulenbewegung war und der wusste, wie Politik zu spielen ist, jedenfalls nach einer Weile, und zwar im Stadtparlament ebenso wie in den Straßen San Franciscos. Einen Mann, der im Kollektiv seiner Freunde und Weggefährten zu Hause war, der andere begeistern konnte, der lebte, was er predigte. „Ich heiße Harvey Milk, und ich will euch gewinnen!“, so begann er seine Reden, und dass er erst im vierten Anlauf in ein Amt im Stadtparlament gewählt wurde, lag vor allem daran, dass die Wahlbezirke für ihn so ungünstig geschnitten waren. Denn außerhalb vom Viertel um die Castro Street, das er zum freiesten Schwulenviertel der siebziger Jahre zu machen half, Anziehungspunkt für Homosexuelle von überallher, war er den anderen zunächst ein Graus. Sie hielten Familienwerte hoch, und es dauerte eine Weile, bis einige von ihnen glaubten, was Harvey Milk ihnen immer wieder sagte: „Wir sind eure Söhne.“ 1978 wurde er schließlich Stadtverordneter, elf Monate später war er tot, erschossen vom Stadtverordneten Dan White, der ihn und den Bürgermeister im Rathaus niederstreckte.

          Züchtige Erotik

          Wie all das genau passierte, hat 1984 Rob Epstein in seinem großartigen Dokumentarfilm „The Times of Harvey Milk“ gezeigt (der in diesen Wochen in ausgewählten Kinos zur Wiederaufführung kommt - gleichzeitig ist in der Edition Salzgeber die DVD erschienen). An ihn lehnt Gus Van Sant sich deutlich an, es gibt Szenen, die wie nachgespielt wirken, etwa wenn Harvey Milk während seines Wahlkampfs den ubiquitären Hundehaufen in den Parks den Krieg erklärt, um nichtschwule Wähler auf seine Seite zu ziehen. Das heißt aber nur, dass Van Sants Film historisch genau ist - während er gleichzeitig den Aspekt betonen kann, der im Dokumentarfilm notwendig nicht vorkommt, den des privaten Harvey Milk nämlich, der vom politischen, wenn wir „Milk“ glauben, kaum zu trennen war. Dass das Private politisch sei, war ja die Grundüberzeugung des politischen Aktivismus jener Jahre, und die Schwulenbewegung war sicher die, in der das am deutlichsten zum Ausdruck kam. Schließlich ging es darum, die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen herzustellen, die es erlaubten, als der zu leben, der man ist.

          Wer Harvey Milk war, das zeigt uns, mehr noch als die Dokumentaraufnahmen von ihm selbst, Sean Penn, der ihn spielt. In seinen letzten Filmen, „Mystic River“, „21 Grams“, „All the King's Men“, spielte er düster umwölkte Figuren und wirkte selbst exaltiert niedergedrückt und steif. Hier hingegen spielt er frei und locker, sein Lächeln verschluckt fast den Rest seines Gesichts, und seine Körpersprache ist kokett und selbstbewusst, ohne Travestie, seine Gesten großzügig. Und so ist auch die Liebesgeschichte, die am Anfang in einer Subwaystation in New York beginnt, als Milk noch Banker ist, und die sich über viele Jahre in San Francisco fortsetzt, eine der schönsten und selbstverständlichsten zwischen Männern, die das Kino kennt. James Franco spielt seinen Liebhaber und späteren Wahlkampfmanager Scott Smith, der irgendwann den Druck der politischen Ambitionen seines Freundes nicht mehr aushält, und er und Penn ergeben ein fast zwangsläufiges Paar, derart erotisch hat Van Sant ihre gemeinsamen Szenen inszeniert, von denen nur eine im Bett spielt - und auch die ist außerordentlich züchtig.

          Nicht nur Milks Tod, auch die Aids-Epidemie, die kurz darauf begann, hat das Leben seiner Gefährten vollkommen verändert. Van Sant und seine Darsteller, zu denen im Zentrum noch Emile Hirsch, Diego Luna und als Milks Mörder Josh Brolin gehören, reißen uns mit in eine Vorstellungswelt, in der Hoffnung, Kampf und Sex und Freiheit für eine kurze Zeit eine Einheit waren und Harvey Milk eine Lebendigkeit in die Politik brachte, die ohne Beispiel ist.

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