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Video-Filmkritik : Wie radikal war Martin Luther King?

Bild: Studiocanal

Von Selma nach Montgomery führte einer der großen Märsche der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Der Film „Selma“ ruft ihn in Erinnerung.

          3 Min.

          Wenn historische Figuren und Ereignisse zu Filmfiguren und Drehbuchwendungen werden, liegen die Probleme auf der Straße. Wie korrekt, durch Forschung gesichert, von Dokumenten gestützt ist das, was wir da sehen? Wo wurde verkürzt, verdichtet, geflunkert? Darf das sein? Es sind ebenso naheliegende wie oft müßige Fragen. Man darf annehmen, das Publikum hat an gewissen Diskrepanzen zwischen den Ereignissen, die zur Abschaffung der Sklaverei führten, und ihrer Darstellung in Steven Spielbergs „Lincoln“ keinen Schaden genommen.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          So wird es auch mit „Selma“ gehen, dem Film über Martin Luther King und den Marsch von Selma nach Montgomery 1965, der im dritten Anlauf gelang und Präsident Lyndon B. Johnson dazu brachte, das uneingeschränkte Wahlrecht für Schwarze durchzusetzen. Von allem, von den Rivalitäten im Umfeld von King, von der Rolle der Religion, von dem Klima jener Jahre, zu dem auch das zunehmende Engagement der Amerikaner in Vietnam gehörte, hätten wir gern mehr erfahren. Das wäre dann aber eher eine Serie geworden oder, um Himmels willen, ein Buch.

          Uneingeschränktes Wahlrecht

          In „Selma“ erzählt die Regisseurin Ava DuVernay von jenen Wochen im Jahr 1965, in denen die Bürgerrechtsbewegung in Alabama das uneingeschränkte Wahlrecht für Schwarze erkämpfte. Die Brisanz der Sache heute wird dem internationalen Publikum allerdings kaum deutlich werden. Dem amerikanischen wohl. Denn immer noch und wieder wird um die Frage, ob das Wahlrecht (heute sind es die willkürlich gezogenen Grenzen der Wahlbezirke und die Revision des Voting Rights Act durch das Verfassungsgericht) bestimmte Gruppen favorisiert, andere an den Rand drängt, heftig debattiert (F.A.Z. vom 13. Januar).

          „Selma“ kommt am Donnerstag in unsere Kinos, wenige Tage vor der Oscar-Verleihung. Der Film ist als „Bester Film“ nominiert, vermutlich chancenlos, aber vielleicht gewinnen John Stephens und Lonnie Lynn mit dem Titelsong „Glory“, einem Gospel, der ihnen bereits den Golden Globe brachte. Es läge in der Logik der Entstehungsgeschichte dieses Films, einer eher preiswerten unabhängigen Produktion, aus deren hervorragendem Schauspielerensemble, allen voran David Oyelowo in der Rolle von Martin Luther King, kein einziger für die Trophäe nominiert wurde. Aber natürlich wurde auch über die Besetzung debattiert: Helden wie Antihelden jener Jahre, von King über Lyndon B. Johnson (Tom Wilkinson) zu Gouverneur George Wallace (Tim Roth) und Frau Coretta Scott King (Carmen Ejogo), werden von britischen Darstellern gespielt, von denen keiner an der Aufgabe scheitert.

          Kein übliches Biopic

          Ava DuVernay hat keines der üblichen und kaum unterscheidbaren Biopics gedreht, deren Spannungsbogen vorhersehbar im dritten Akt seinen Höhepunkt erreicht. Sie stellt zwar Martin Luther King in den Mittelpunkt und verweist damit andere Figuren, die in jener Zeit auch zentral waren, an den Rand, aber es geht um ein klar umrissenes politisches Ziel, für das King einige Opfer in Kauf nimmt. DuVernay deutet die Bedeutung der Medien an, in denen Bilder brutaler Polizeieinsätze, flüchtender Männer und Frauen, schwarzer wie weißer, das Blatt schließlich wenden. Nur am Rande erfahren wir dabei auch etwas über die Privatperson King und die berüchtigten FBI-Bänder von J. Edgar Hoover, der King und seine Leute natürlich auf Schritt und Tritt überwachen ließ.

          Vier Mädchen im Sonntagsstaat springen eine Treppe herunter und unterhalten sich darüber, wie Coretta King wohl ihre Haare bändigt. Dann explodiert das Bild. DuVernay bringt den Film fast zum Stillstand in einer superlangsamen Zeitlupe, an deren Ende wir ein Bein in weißen Söckchen aus dem Schutt herausragen sehen: das Attentat von Birmingham. Eine ältere Dame wird von weißen Polizisten zusammengetreten. King auf der Edmund Pettus Bridge, deren Überquerung beim ersten Versuch ein brutaler Polizeieinsatz verhindert, den zweiten bricht King selbst ab, und der dritte wird zum triumphalen Marsch an den Einsatzkräften vorbei - diese Bilder werden bleiben, wobei die dokumentarischen, die am Ende die nachgestellten ablösen, die eindrucksvolleren sind. Geschichte im Film sieht, auch wenn Geschichtslektionen nötig sind wie hier, immer aus wie Doku-Drama: nicht ganz echt, aber auf jeden Fall vorbei.

          Schade, dass die Reden, die wir hören, nicht die sind, die Martin Luther King gehalten hat - eine Frage des Copyrights, von dem es heißt, Spielberg habe es sich gesichert und rücke nicht damit heraus, bevor er nicht seine sehr viel umfangreichere und teurere Filmversion vorgelegt habe. David gegen Goliath, wie offenbar das ganze Filmvorhaben.

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