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Video-Filmkritik : Was uns die Toten erzählen: „Hereafter“

Bild: Warner

In „Hereafter“ stellt Clint Eastwood Fragen nach Leben und Tod. Übersinnliches wie Botschaften aus dem Jenseits stellen die Nüchternheit des Meisterregisseurs erheblich auf die Probe.

          3 Min.

          Eine französische Fernsehmoderatorin mit einer Nahtoderfahrung (Cécile de France). Ein Bauarbeiter in San Francisco, der als Medium in Kontakt mit den Toten treten kann, sich aber entschließt, anderweitig sein Geld zu verdienen (Matt Damon). Ein kleiner Junge in London, der seinen Zwillingsbruder verliert, dessen Präsenz in seinem Leben aber nach wie vor spürt, als sei ein Geist an seiner Seite (Frankie und George McLaren).

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Diese drei Figuren und ihre Geschichten, alle durchdrungen von der Frage, was nach dem Tod geschieht und ob es fürs Leben einen Unterschied macht, sind das Gerüst für Clint Eastwoods jüngsten Film, „Hereafter - Das Leben danach“. Am Ende fügen sie sich zufällig zusammen, gerade so, wie wir das aus „Babel“ etwa kennen. Wie wahrscheinlich das ist? Nicht sehr. Aber sind Zufälle nicht immer unwahrscheinlich?

          Weder Eastwood noch sein Drehbuchautor Peter Morgan, der so wirklichkeitsnahe Filme wie „Frost/Nixon“ oder „The Queen“ zum Beispiel geschrieben hat, sind berühmt für ihren Zug ins Esoterische. Und so ist es nicht verwunderlich, dass auch dieser Film nichts Schamanenhaftes an sich hat. Vielmehr nähern sie sich neugierig, aber mit großem Taktgefühl ihren Figuren, in deren Leben die Welt des Todes einen Schatten - oder auch ein Licht - wirft, was mit „dem, was danach kommt“, eigentlich nicht korrekt beschrieben ist. Denn es ist immer das Leben, um das es in diesem Film geht, das Leben allerdings, wie es sich durch den Tod, sei es durch die Erfahrung des eigenen Beinahetods oder durch den Tod eines sehr nahen Menschen, verändert. Von diesen unbestimmten, stillen Phänomenen erzählt Eastwood geduldig und in Bildern von satter Schönheit. Als würde das Leben reicher, wenn der Tod und die Toten darin ihren Platz finden.

          Maries Geliebter hat keine große Lust, vor dem Heimflug aus Thailand noch einmal auf den Markt zu gehen, um ein paar Urlaubsgeschenke für seine Kinder zu kaufen. Also geht Marie los. Sie schlendert zwischen den Ständen mit Ketten und kleinen Buddhas herum, nimmt hier ein Tuch in die Hand, dort ein Armband, unentschlossen. Ein fürchterliches Geräusch kündigt den Tsunami an. Er reißt den Markt mit sich, schleudert Autos durch die Luft, zieht Marie in einem Strudel von Metallteilen, Holzdächern, Menschen immer tiefer in seinen Sog, sie zappelt eine Weile, wehrt sich, bis sie schließlich still im Wasser treibt - weiße Schemen wanken auf sie zu, etwas Fragendes liegt über der Szene, als zögen die Schemen sie und uns, die Zuschauer, auf die andere Seite hinüber, die andere Seite der Leinwand zunächst, was so unwahrscheinlich ist wie der Zug in eine andere Welt, in der es dann so verschwommen aussähe. Oder nicht?

          Die Bilder von Nahtoderlebnissen

          Denn ganz so unwahrscheinlich ist die Erfahrung nicht, für die Eastwood zu Beginn von „Hereafter“ ein Bild von einiger Verführungskraft schafft. Nahtoderlebnisse sind oft beschrieben worden, und meistens sahen sie ungefähr so aus. Ungewöhnlich ist, dass Eastwood, dieser Klassiker unter den amerikanischen Spitzenregisseuren, eine Szene voller Spezialeffekte dreht, um uns die Wucht des Tsunamis spüren zu lassen. Das ist neu in einem Eastwood-Film, aber die Delikatheit, mit der er die Mittel von SciFi- oder Horrorfilmen anwendet und sie sofort wieder fallenlässt, wenn die Geschichte sie nicht mehr braucht, steht im Einklang mit der Art, wie er auch ohne Effekte immer inszeniert hat, ohne Angeberei und nah bei seinen Figuren.

          So war die Ernsthaftigkeit, seine vollkommene No-Nonsense-Annäherung an ein Thema, das so voller Falltüren ins Unsägliche ist, erwartbar, ebenso, dass diese Falltüren bei Eastwood sicher verschlossen bleiben. Er hat ja schon aus anderen Stoffen, die tief im Sentimentalen, also in falschen Gefühlen und falschem Bewusstsein und jeder Menge Klischees hätten versumpfen können, kleinere oder auch größere Meisterwerke gemacht, „The Bridges of Madison County“ etwa oder „Million Dollar Baby“. Und so ist auch die Frage, die sich jeder stellt, der die Erfahrung des Todes eines Nächsten in den Knochen hat - die Frage, was bleibt, wo die Erinnerung und der Schmerz ihren Ort haben und ob dieser Ort in dieser Welt oder halb schon jenseits ihrer Grenzen liegt -, bei Eastwood in besten Händen.

          Frei von religiöser Symbolik

          Es gibt keine Botschaft in diesem Film, höchstens vielleicht die, dass religiöse Glaubenssysteme auf die Fragen, um die es Eastwood geht, keine Antwort wissen. Jedenfalls spielen sie keine Rolle in den Geschichten, und auch die Bilder sind von jeder religiösen Symbolik frei. Ebenso frei ist der Film aber auch von übernatürlichem Stuss, der naheliegt, wenn jemand wie Matt Damon Nachrichten von den Toten empfängt. Wobei das bei Eastwood eher danach aussieht, als empfange Damon Nachrichten von den Lebenden, jedenfalls hat er zu ihnen Verbindung und kann ihnen mit anrührender Warmherzigkeit sagen, was für sie das Richtige ist. Was er da eigentlich macht, bleibt vage, die medizinische Erklärung für seine Hypersensibilität ebenso. Nicht vage bleibt, wie sehr ihn das Leben reizt und dass er seine medialen Fähigkeiten für ein paar Erfahrungen mit den Lebendigen gern los wäre.

          Selbst Clint Eastwood weiß nicht, was nach dem Tod kommt. Man rechnet lieber nicht damit, dass es besser ist als davor, wenn man überhaupt daran glaubt, dass nicht alles einfach nur zu Ende ist. Was zählt, ist hier, da heißt es achtsam sein, so wie Eastwood es wieder einmal ist in diesem Film.

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