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Video-Filmkritik : Was früher einmal Trauerarbeit hieß

Bild: Constantin

Aus der Geschichte hätte alles Mögliche werden können, etwas Pompöses, Weinerliches, Pathologisches. Doch Caroline Link gelingt in ihrem ersten Film seit dem Oscar prämierten „Nirgendwo in Afrika“ ein Kunststück der Leichtigkeit: „Im Winter ein Jahr“.

          Eine junge Frau steht am Fenster und blickt hinaus in einen Wintermorgen. Ein ganz junger Mann tanzt unten im Schnee, aber wir hören die Musik nicht, die durch seine Kopfhörer fließt. Und dann ist da noch eine Frau mittleren Alters, die mit einer Videokamera um den Jungen herumhüpft und seinen Tanz filmt, lachend, verliebt, stolz, begeistert. Dann sehen wir die Frau joggend im Wald. Ein Schuss fällt. Und obwohl wir nichts sehen, außer dass die Frau sehr erschrickt, wissen wir sofort, dass etwas Schreckliches geschehen ist. Wir glauben instinktiv, dass der Junge tot ist, und wir ahnen, dass er von eigener Hand starb.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Im Folgenden erschließen sich schnell die Verhältnisse. Die Frau, Eliane, ist die Mutter der beiden jungen Leute, es gibt auch einen Vater, der etwas abseits steht. Die Geschichte, die Caroline Link dann erzählt, beginnt ein Jahr später. Die Mutter bittet den Maler Max Hollander, der in einer ausgebauten Scheune auf dem Land lebt, ein Porträt der beiden Geschwister zu malen. Da der Sohn ja tot ist, ein Unfall, wie die Mutter sagt, bringt sie Fotos, die Tochter, die Lilli heißt, werde vorbeikommen und Porträt sitzen. Und um die Entstehung dieses Bilds herum entwickelt sich einerseits eine ganz eigensinnige Beziehung zwischen Max und Lilli, andererseits und gleichzeitig aber werden auch die verschiedenen Formen und Phasen der Trauer sichtbar, die jeder Einzelne durchläuft, ohne dass die Welt ausgesperrt würde. Denn die Welt außerhalb der Familientragödie, das ist ja zum Beispiel Max. Der allerdings bekämpft eine eigene Trauer und eine eigene Verwirrung.

          Was für ein Kapital das deutsche Kino in seinen Darstellern hat

          „Im Winter ein Jahr“ ist der erste Film von Caroline Link, seit sie 2003 mit „Nirgendwo in Afrika“ den Oscar für den Besten fremdsprachigen Film gewonnen hatte. Und es ist der erste Film, in dem sie nicht aus einer Kinderperspektive erzählt. Sie wollte diesen Film eigentlich in den Vereinigten Staaten machen - was daraus geworden wäre, wissen wir natürlich nicht. Aber da sie dann doch in Deutschland gedreht hat, wird wieder mal augenfällig, wie groß das Kapital ist, welches das deutsche Kino in seinen Darstellern hat.

          Corinna Harfouch spielt Eliane, eine erfolgreiche Designerin, auf eine Weise, in der deutlich wird, dass ihr im Leben auch vor dem Tod ihres Sohnes schon etwas fehlte, von dem sie selbst nicht sagen könnte, was es ist, und dass dieser Mangel mit dem Verlust des Kindes übergroß wird, aber dann einen Namen trägt, der ihn nicht umfassend bezeichnet. Ihr Mann tritt in Gestalt von Hanns Zischler auf, der etwas Ungesundes in der mütterlichen Vergötterung des Sohnes zu spüren scheint, das ihn veranlasst, sich emotional, soweit er selbst das überhaupt zulässt, außerhalb von Ehe und Familie zu orientieren.

          Eine angesichts des Themas von Tod und Trauer verblüffende Leichtigkeit

          Die Lilli, die Tanz studiert, den falschen Männern zuneigt und eine ziemliche Wut auf ihre Mutter hat, spielt Karoline Herfurth. Sie sieht zwar feengleich aus, aber ihre Lilli ist kein ätherisches Geschöpf. Vielmehr kommt in ihrer Darstellung eine Verletztheit und etwas Suchendes zum Vorschein, das dem Tod des Bruders gilt, dessen Hintergründe sie verstehen will und muss, um selbst weitermachen zu können, aber auch etwas Trotziges. Diese innere und schließlich auch äußere Suchbewegung verbindet sie mit dem Maler Max, der seinen drogensüchtigen Liebhaber verloren hat. Die Tatsache, dass er, dessen Sohn in Lillis Alter ist, überhaupt einen Liebhaber hatte, scheint ihn immer noch zu verwirren. Josef Bierbichler gibt diesem Max eine virile Ausstrahlung, die auch auf Lilli nicht ohne Verführungskraft bleibt. Caroline Link lässt das Erwartbare aber sein, die Beziehung der jungen Frau zu dem älteren Mann bleibt in der Schwebe, wie überhaupt der ganze Film eine angesichts des Themas von Tod und Trauer verblüffende Leichtigkeit hat. Vielleicht, weil die Figuren und Szenen oft aussehen, als müsste unser Blick durch ein Stück Gaze durch, um zu ihnen zu gelangen.

          In dem Bild, das Max schließlich malt, kommt all die Energie, die um die Toten kreiste, zum Stillstand. Es ist nicht das Bild, das Eliane sich erhofft hatte, da ist nichts zu sehen, was ihren Sohn zurückbrächte, nur eine gerahmte Fotografie von ihm auf einem Flügel. Giftig kommt ihr das Bild vor, und es sieht so aus, als sei erst beim Anblick des Gemäldes für sie der Tod des Sohnes Wirklichkeit geworden. Lilli hingegen schaut aus dem Bild heraus, weg von der familiären Katastrophe, bereit für die Zukunft. Doch nichts von alldem buchstabiert Caroline Link aus. Es geht um die größten, die ernstesten Gefühle. Aber die Regisseurin zwingt sie dem Zuschauer nicht auf, sie lässt sie ganz bei den Figuren und betrachtet sie mit Diskretion. Aus der Geschichte hätte alles Mögliche werden können, etwas Pompöses, Weinerliches, Pathologisches, Klebriges. Stattdessen sehen wir, was früher einmal Trauerarbeit hieß, und haben das Gefühl, ja, so könnte es gehen.

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