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Video-Filmkritik : Verrätselt: „Der Mann, der niemals lebte“

Bild: Warner

Ridley Scott schickt Leonardo DiCaprio in „Der Mann, der niemals lebte“ als CIA-Agent auf die Jagd nach Terroristen in biblische Landschaften. Er geht dort für den Zuschauer rätselhafte Wege, und darin kann man sowohl die Stärke als auch die Schwäche des Films sehen.

          3 Min.

          Dies ist ein Film aus den Landschaften des Alten Testaments - in jenen Gegenden, die damals Chaldäa, Schinar, Moab hießen, ging der Mensch, wenn er von seinem Gott gesehen werden wollte, in die Wüste, wo manchmal Büsche brannten und der Himmel sich verfinsterte. Und dann sprach Gott. Und der Mensch hörte zu.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dies ist ein Film, der im Irak und in Jordanien spielt, und der Mensch, der immer wieder in die Wüste geht, heißt Roger Ferris, ist CIA-Agent, und wenn es brennt in der Wüste, wenn der Himmel sich verfinstert, weiß Ferris, dass das vom Sprengstoff und den Schusswaffen kommt. Aber manchmal klingelt sein Mobiltelefon. Und der Mann, der dann zu Ferris spricht, schaut durch seine Satellitenkamera von weit oben auf ihn hinab, nichts bleibt ihm verborgen, und was er anordnet, hat Ferris auszuführen.

          Verwirrend erzählt

          Ridley Scott wurde, als er diesen Film inszenierte, eher von politischen als von theologischen Intentionen angetrieben: Was „Der Mann, der niemals lebte“ erzählt, ist die Geschichte des amerikanischen Agenten Ferris, der, auf der Spur eines Chefterroristen, sich perfekt, bis zur Selbstaufgabe, tarnen kann. Er spricht arabisch, er lebt arabisch, und manchmal schafft er es sogar, aus arabischen Augen auf die Welt zu schauen. Und er erzählt die Geschichte von Ed Hoffman, Ferris' Vorgesetzten, der von oben auf dieselbe Welt schaut. Und glaubt, er habe den Überblick.

          In Amerika ist dieser Film verrissen worden - die Jagd nach dem Oberterroristen sei konfus erzählt, verwirrend inszeniert, und all die undurchschaubaren Figuren, die Ferris' Weg kreuzen (und den Film nicht überleben), seien auch für den Zuschauer zu rätselhaft, als dass er dem Plot einigermaßen folgen könnte.

          Wie ein zorniger Gott

          Stimmt leider, scheint aber genau das Thema dieses Films zu sein: Ed Hoffman glaubt nicht nur, dass er durch sein Satellitenauge alles sehe und durchschaue. Er kann auch, wie ein zorniger Gott, den Menschen das Feuer schicken, den Tod und das Verderben. Dass es dort unten auch nur einen Gerechten gäbe, daran glaubt Hoffman schon lange nicht mehr.

          Roger Ferris begegnet der Welt auf Augenhöhe, und das Gefährliche daran ist: Die Welt, aus dieser Perspektive betrachtet, schaut zurück, und was Ferris dort sieht, in den Augen der anderen, ist fast noch schwerer zu durchschauen, als es die Lügen sind, die ihm seine Freunde und Feinde erzählen. Dass diese Perspektive trotzdem die angemessene sein könnte, das ist eher die Hoffnung als die Botschaft dieses Films, der alles andere als das Vehikel einer politischen Botschaft ist. Und gerade deshalb, gerade weil es hier um Blicke und Perspektiven und nicht um Meinungen geht, gerade deshalb sieht man auch, wie wenig zu sehen ist, wenn man von oben herabschaut auf den Nahen Osten. Und man sieht, dass dieser Ed Hoffman, in seinem CIA-Hauptquartier, noch nicht einmal weiß, was er nicht weiß.

          Kommandos aus dem amerikanischen Himmel

          Und natürlich geht es um die Blicke, die dieser Film auf seinen Helden wirft, auf Leonardo DiCaprio, der den Roger Ferris spielt und der, einerseits, so unfassbar gut darin ist, einen Mann zu spielen, der sich dauernd als ein anderer gibt und am liebsten nahezu unsichtbar wäre unter all den anderen, denen er sich anzugleichen versucht. Und gleichzeitig ist er eben DiCaprio, der größte Schauspieler seiner Generation, der hinter all den Masken und Verkleidungen immer noch seine DiCapriohaftigkeit ausstrahlt - und wenn man ihm dabei zuschaut, wie er Gleicher unter Gleichen sein will und doch anders, besonders, einzigartig wirkt, rattern einem schon wieder die biblischen Assoziationen durch den Kopf. Es ist, als wäre er, der seine Kommandos von oben bekommt, heruntergestiegen aus dem amerikanischen Himmel, um den Willen dessen, der ihn geschickt hat, zu erfüllen. Einmal steht DiCaprio in der Wüste und ahnt, von wo aus die Satellitenkamera ihn fixiert hat, und dann spricht er direkt in diese Richtung - und im Kino stockt einem fast der Atem, weil da die allermodernste Kommunikation so aussieht wie das Gebet zu einem Gott, den man sich grausam denken muss.

          Und so kommt es, dass die Schwächen dieses Films seine größten Stärken sind. Ja, all jene Kritiker, die ihm bescheinigen, dass sein Drehbuch nicht ganz logisch sei und Scotts Inszenierung nicht so konzentriert wie in „Black Hawk Down“ (der ein ähnliches Thema hat), haben recht. Man ist nicht gerade gefesselt von der Spannung, was man auch begreifen kann als die Freiheit, in diesem Film etwas anderes als die Bebilderung seines Drehbuchs zu sehen.

          Man möchte jedenfalls, kaum ist er vorbei, den Film noch einmal sehen. Und dann vierzig Tage in die Wüste gehen und darüber nachdenken.

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