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Video-Filmkritik : Verhör am Rande des Abgrunds

Bild: 20th Century Fox

Trinken und reden: Emily Atefs „3 Tage in Quiberon“ zeigt Romy Schneider weder überlebensgroß noch zu klein und wahrt das Geheimnis der Schauspielerin. Doch der Film hat ein Fiktionsproblem.

          4 Min.

          Wenn das Kino tut, was es gut kann, erzählt es Geschichten. Wenn es an sich selbst zu zweifeln beginnt, erzählt es Geschichten vom Kino. Aber manchmal steckt in den Kinogeschichten so viel Leben, dass der Blick in den Spiegel den Rahmen der Selbstbespiegelung sprengt. Einige der größten Filme sind so entstanden. Und ein paar der überflüssigsten.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dieser Film beginnt mit der Rückenansicht einer Frau, die im weißen Bademantel auf einer Terrasse über dem Meer sitzt und an einer Zigarette zieht. Es ist März 1981, und die Frau ist Romy Schneider. Nein, es ist April 2018, und die Frau ist die Schauspielerin Marie Bäumer, die Romy Schneider darstellt. Aber die Ähnlichkeit ist so groß, dass man zweimal hinschauen muss, um ganz sicher zu sein.

          Eine Hommage, die ihr Vorbild einholt

          Ende März 1981 zieht sich Romy Schneider in ein Luxushotel in der Bucht in der Bretagne zurück, um sich von ihrer Alkohol- und Tablettensucht zu erholen. Kurz darauf bekommt sie Besuch von einer alten Freundin aus Deutschland, die zwei Journalisten des Magazins „stern“ mitgebracht hat, den Fotografen Robert Lebeck und den Redakteur Michael Jürgs. Das Interview, das bei dieser Gelegenheit entsteht, erscheint am 23. April unter der Überschrift „Im Moment bin ich ganz kaputt...“. Es ist die enthüllendste unter den vielen Enthüllungsgeschichten, die über Romy Schneider erschienen sind – ein Gespräch, oder besser: ein Verhör am Rande des Abgrunds. Von diesem Interview und davon, wie es zustande kam, handelt Emily Atefs „3 Tage in Quiberon“.

          Ein gelungenes Romy-Schneider-Examen: Marie Bäumer ist der zum Mythos gewordenen Schauspielerin in „3 Tage in Quiberon“ verblüffend ähnlich.

          Ein Film in Schwarzweiß. Darin steckt ein Stück Bescheidenheit und ein Quantum Hochmut. Die beiden Filme, die Romy Schneider vor und nach dem Treffen in Quiberon drehte, Dino Risis „Zwei Gesichter einer Frau“ und Jacques Rouffios „Spaziergängerin von Sans-Souci“, kamen in matten Herbstfarben daher. In der einen Geschichte spielte sie eine Wiedergängerin, ein Phantom, in der anderen eine Doppelrolle als Naziopfer und Überlebende. Farbfilmen fällt es leicht, die Grenze zwischen Wirklichkeit und Traum zu verwischen, Schwarzweißbilder sind schwerer zu manipulieren. Emily Atef, die Regisseurin, hat sich dafür entschieden, die Quiberon-Fotos von Robert Lebeck ohne Einfärbung nachzustellen. Das gelingt dem Film überraschend gut. Sein Schwarzweiß ist kein historisches, sondern ein ästhetisches: eine Hommage, die ihr Vorbild einholt. Manchmal glaubt man tatsächlich zu sehen, was Lebeck sah. An der Kamera (Thomas Kiennast) liegt es jedenfalls nicht, dass „3 Tage in Quiberon“ wie eine gelöste Hausaufgabe, ein bestandenes Romy-Schneider-Examen wirkt.

          Zurück zum Anfang. Gleich nach der Rückenansicht Marie Bäumers kommt Hilde Fritsch (Birgit Minichmayr) ins Bild, die einzige wirklich erfundene Figur des Films – und die, an der er scheitert. Keine deutsche, sondern eine österreichische Freundin, Jugendgefährtin, Antikenrestauratorin. Sie steigt mit Romy in die Badewanne. Und sie versucht, den Star vor den Journalisten, die an der Hotelbar warten, zu schützen. Als die Profis und die beiden Frauen nach dem ersten, rasch abgebrochenen Gesprächsversuch im Hafenrestaurant von Quiberon landen und ihre Nervosität mit Champagner herunterspülen, zieht Hilde die betrunkene Romy im Morgengrauen ins Hotel zurück. Und als am nächsten Tag das eigentliche Interview beginnt und der kalt kalkulierende Jürgs zwei eisgekühlte Flaschen Chablis zur Lockerung der Schneiderschen Zunge auffährt, fleht die Restauratorin ihre Schauspielerfreundin an, den Mann vom „stern“ in die Wüste zu schicken.

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