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Video-Filmkritik: „Van Gogh“ : Der Wundmaler tropft

Von allen Übergriffen unberührt

Am schlimmsten zappeln die Sequenzen, die den Wahnsinn des Begnadeten bebildern sollen: Da rammt sture Montage mehrere Takes ineinander, damit noch die Schläfrigsten verstehen, dass van Goghs Bewusstsein in Klecksen gequantelt ist, die gern übereinanderschmieren und ineinanderfließen. Das heillose Gestümper wirkt umso deprimierender, als Julian Schnabel mit dem unverkrampft originellen Film „Schmetterling und Taucherglocke“ (2007) überzeugend dargetan hat, dass ihm bei der bilderzählerischen Gestaltung außergewöhnlicher Bewusstseins-, Körper- und Gemütszustände durchaus Fesselndes und Anregendes erreichbar sind. Der darin von Mathieu Amalric gespielte Mann mit Locked-in-Syndrom, an dem schier alles gelähmt ist außer Vorstellungsvermögen und Erinnerung, funktioniert in der Innen- wie der Außenperspektive als starker Filter für so gut wie alles, was Kunst über Menschen herausfinden kann; „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ saugt dagegen bloß aus einem halbgebildeten Müllhaufen voller Gerüchte über die sogenannte Hochkultur einen Eimer voll Schmalz, der den Impressionismus als eine Art kuscheligen Trotz gegen die Härte und Schnelligkeit modernen Weltempfindens versinnbildlichen soll, und schüttet dieses harmvolle Zeug dann ungefiltert und unsortiert ins empfängliche Kollektivnervensystem von Gremien, die entscheiden wollen, ob ein Film eher „besonders wertvoll“ ist oder unterhaltsam.

Die harte Lehre der unschönen Erfahrung lautet wohl: Am elendesten ist europäisches Kino immer dann, wenn Amerikaner es herstellen (gilt allerdings auch umgekehrt, here’s looking at you, Til Schweiger). Nicht mal die Farbwerte, die Schnabel auffährt, versöhnen mit dem ungünstigen Gesamteindruck, denn ihre Pseudoinnerlichkeit rührt höchstens zwei Szenen lang, bis man erkennt: Marineblau ist Himmelblau ist heute Blau und morgen Blau und übermorgen wieder – jede Nuance säuft ab in der Eintönigkeit des ständigen Signals „ominöse Pracht mit Anfällen von Verfinsterung“.

Wer mit Absicht so aussieht und sich dann auch noch selbst porträtiert, darf auf die Sympathie der Landbevölkerung jedenfalls nicht spekulieren: Willem Dafoe ist Vincent van Gogh

Hätte Schnabel mehr Mut gehabt, als ein zwischengeschaltetes, billig-eiliges Schnellmaltutorial verlangt, könnte man sich gerade von ihm durchaus mit Freude und Dankbarkeit einen Film anschauen, der nichts täte, als zwei Stunden um einen Granatapfel zu kreisen, der auf einem schlecht gewischten Küchentisch liegt. Der morose Weihepopanz aber, den seine gewollt ungenauen Einstellungen im Van-Gogh-Drama andauernd aufrichten, ist zuletzt, von allen narrationsökonomischen Fragen abgesehen, auch einfach potthässlich.

Als Schnabel seinen Kollegen Jean Michel-Basquiat 1996 in einem Spielfilm wiederauferstehen ließ, war dem teils liebevollen, teils makabren Mummenschanz wenigstens hin und wieder etwas wie Witz beigemengt, in Gestalt des pingelig seltsamen David Bowie vor allem, der darin einen Andy Warhol gab, der Andy Warhol bestimmt besser gefallen hätte als Andy Warhol selbst.

Auch der „Taucherglocken“-Film hat eine Art Humor, zum Beispiel dank Max von Sydow, der beim Rasiertwerden bärbeißig rumbrummt. Vielleicht war Mikkelsen als Erzeuger eines ähnlichen Kontrapunkts zur Tränenmelodie des Restes im Van-Gogh-Ding vorgesehen, aber auch er kommt gegen Sprüche nicht an wie den, Leiden sei größer als Lachen, den Dafoe (der seine schlechte Sache übrigens sehr gut macht) ausagiert, als hätte Schnabel nie davon gehört, dass gegen das Lachen immer nur die Lächerlichen schimpfen. Na gut: Vielleicht war’s kunstgeschichtlich nötig, dass ein Film mal alle sentimentalen Ästhetikfehlauffassungen der Neuzeit in knapp zwei quälenden Stunden zusammenfasst. Den Bildern, die van Gogh hinterließ, geschieht damit ja nichts Böses; sie bleiben von allen Übergriffen nachgeborener Distanzlosigkeit unberührt.

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