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Video-Filmkritik : Unter falscher Flagge: „John Rabe“

  • -Aktualisiert am

Bild: Majestic

Da ist sie wieder, diese fehlgeleitete Idee vom „großen“ Kino, die sich immer wieder im gleichen Typus von Historienfilm auslebt. Florian Gallenbergers „John Rabe“ zeigt einen guten Deutschen, der im Zweiten Weltkrieg Hunderttausenden Chinesen das Leben rettete. Dabei wird so viel erklärt, dass es nichts mehr zu erleben gibt.

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          Die Wirklichkeit ist manchmal so dreist, wie es die Erfindung eines Drehbuchautors nie sein dürfte. Da wird die Hakenkreuzflagge, Symbol von Mord und unmenschlichen Verbrechen, für einen kurzen Augenblick der Geschichte zum Hilfsmittel des Überlebens. Im November 1937 war das, als die Japaner China eroberten und Nanking, die alte Kaiser- und Hauptstadt, bombardierten. Da baute der Deutsche John Rabe, der Leiter der dortigen Siemens-Niederlassung, auf dem Werksgelände einen Unterstand für seine Arbeiter und spannte darüber das Banner mit dem Nazi-Symbol, seinerzeit die deutsche Nationalflagge. Tatsächlich drehten die Bomber ab, die Menschen waren zumindest fürs Erste gerettet.

          Dies ist der Schlüsselmoment dieses Films, das Bild, in dem sich seine ganze Ambivalenz verdichtet. Denn auch wenn dieser irritierende Moment historisch verbürgt ist, bedeutet das nicht, dass man ihn deshalb leichten Herzens zeigen kann, auf Breitwandformat in satten Farben und mit all den Zutaten des historischen Ausstattungskinos versehen. Denn auch die Taten des John Rabe, so heroisch sie gewesen sein mögen, bleiben marginale Glücksmomente im riesigen Unglück. Diese Verhältnismäßigkeit muss bei solchen Geschichten miterzählt werden, nicht nur aus moralischen, sondern auch aus ästhetischen Gründen, gerade dann, wenn die Wirklichkeit selbst es ist, die ein Kitsch-Drehbuch schreibt.

          Solche Skrupel belasten den Film

          Wir müssen uns John Rabe als widersprüchlichen Menschen vorstellen. Er verband die Gewitztheit und den Einfallsreichtum eines Hamburger Kaufmanns mit dem Opportunismus des NSDAP-Mitglieds, naiven Führerglauben mit erstaunlicher Humanität und Standfestigkeit im Angesicht der Japaner, mit denen er nach dem Fall der Stadt als Leiter der internationalen Sicherheitszone zu tun hatte. Da begann ein wochenlanges Morden, Foltern und Vergewaltigen, ein Gemetzel, dem fast die Hälfte der in der Stadt verbliebenen Chinesen zum Opfer fiel. Die andere Hälfte, rund 200.000 Menschen, überlebten in der Zone - und bis heute wird Rabe in China dafür verehrt. Natürlich war Rabe kein Schindler, wie ihn manche jetzt nennen, weil er kein Mitglied der Täternation war und auch nicht - dafür muss man nur mal die jetzt wieder erschienenen großartigen Tagebücher lesen - in gleicher Weise sein Leben riskierte. Trotzdem ist es gut, dass dieser wahnwitzige Stoff jetzt erzählt wird, und wenn Florian Gallenbergers Film immerhin ein Verdienst hat, so das, dass jetzt jeder weiß, wer dieser John Rabe war.

          Nun macht eine gute Geschichte aber noch lange keinen guten Film, wenn die Ideen fehlen und der Kopf des Regisseurs voll ist von den abgegriffenen Bildern des industriellen Geschichtskinos. Man müsste so einen Stoff mit Samthandschuhen anfassen und vorsichtig seine ganze Widersprüchlichkeit entfalten. Dazu fehlt Gallenberger aber der Mut. Dass der Film sich selbst nicht über den Weg traut, zeigt schon das Drehbuch, das an einigen bezeichnenden Stellen von der Wirklichkeit abweicht: So hat man sicherheitshalber einen richtig schlimmen Nazi erfunden, der für allen Fanatismus und Rassismus zuständig ist. Denn dass die allermeisten Nazis keine guten Rabes waren, muss man natürlich auch Gallenberger nicht erklären - das Problem ist, dass er glaubt, dass er es seinem Publikum erklären muss. Solche Skrupel belasten den Film. Auch der Hauptfigur glaubt Gallenberger nicht, darum lässt er ihn den Tod seiner Frau annehmen, weil der Film-Rabe offenbar noch eine zusätzliche „Motivation“ haben soll, als wäre es nicht motivierend genug, Hunderttausende vor dem Tod zu retten. Gegen so viel Klarheit kann auch ein grandioser Ulrich Tukur nicht anspielen.

          Nah am schlechten Fernsehen

          Solche unnötigen Verbiegungen und Herz-Schmerz-Elemente sind das eine. Hinzu kommt, und das wiegt noch schwerer, dass Gallenberger, der für seinen Kurzfilm „Quiero ser“ einen Oscar gewonnen hat, nicht auf die Obszönität verzichtet, das Morden rückblickend nachzustellen. Im mild vernebelten Wintersonnenaufgang ästhetisiert er gerade das, was nicht ästhetisierbar ist. Die Kamera schwurbelt über fein arrangierte Kulissen und Statistenhundertschaften, darunter soll eine oft unerträgliche Musiksauce die Publikumsgefühle aufs Eindimensionalste heruntermanipulieren, und weil das alles immer noch nicht genug Melo ist, wird auch noch eine chinesisch-deutsch-jüdische Liebesgeschichte hinzugepappt.

          Da ist sie wieder, diese merkwürdige, fehlgeleitete Idee vom „großen“ Kino, die sich leider immer wieder im gleichen Typus von Historienfilm auslebt - als ob es schon groß wäre, wenn nur genug Statisten auf der Leinwand herumlaufen. Doch in seinen kleinen, ungebrochenen, sauberen Bildern, im Fehlen aller Brüche und Überraschungen ist dies dann doch stilistisch näher an schlechtem Fernsehen als an dem, was man gern auf der Kinoleinwand sähe.

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