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Video-Filmkritik : Unser Weichzeichner

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Bild: Paramount

Liebe, Lebenskunst und Alkohol: Die Verfilmung von Wladimir Kaminers autobiographischem Roman „Russendisko“ ist gelungen. Vor allem überzeugt der authentische Soundtrack.

          Wenn man eins gelernt hat am Ende von „Russendisko“, einem Film, der dem Zuschauer trotz Einwanderungsthematik erfreulich wenig beibringen möchte, dann dass Matthias Schweighöfer immer noch der große Weichzeichner der deutschen Publikumskinos ist. Was für einen Magazinfotografen der „healing brush“ im Photoshop-Programm ist, das sind für einen Filmproduzenten Schauspieler wie Schweighöfer.

          Wo das Computerwerkzeug in jedem Gesicht allzu individuelle Fältchen oder Hautrötungen kuriert, da heilpinselt jemand wie Schweighöfer schauspielernd ganze Lebensgeschichten in eine dem breiten Publikum genehme, intuitiv konsumierbare Form. Wenn er in den vielen romantischen Komödien („Soloalbum“, „Keinohrhasen“, „What a Man“) sein verdruckst-charmantes Spitzbubenlächeln rausholt, dann passt das immer ins Genre und ist eher unauffällig; doch wenn er etwa in „Der rote Baron“ als deutscher Fliegerheld Manfred von Richthofen auftritt, dann glättet dasselbe Lächeln eben auch die biographischen Schönheitsfehler der historischen Figur.

          Auf Zimmertemperatur gebrachte Figuren

          Und obwohl diese Tendenz Schweighöfers, den dargestellten Charakteren nicht neue Facetten zu geben, sondern sie zurechtzupolieren, nicht dem Idealbild vom „wandlungsfähigen“ Schauspieler entspricht, ist sie oft sehr erfolgreich. Wo ein zum blondgelockten, edelpreußischen Pazifisten zurechtgeschliffener Richthofen dem historisch denkenden Zuschauer noch Bauchschmerzen machen musste, da konnte man der im Fernsehfilm „Mein Leben - Marcel Reich-Ranicki“ erzählten Geschichte vor allem deswegen folgen, weil Schweighöfer alle Eigenheiten eingeebnet hatte. Einen als temperamentvoll bekannten Charakter hatte er auf Zimmertemperatur heruntergebracht und dessen Sprechweise und Akzent gar nicht erst zu imitieren versucht.

          Und obwohl „Russendisko“ und „Mein Leben“ thematisch nicht weiter auseinanderliegen könnten, obwohl die eine Vorlage ein schwerer Sachbuch-, die andere hingegen ein leichter Belletristik-Bestseller war, macht Schweighöfer mit dem fiktionalisierten Autor-Ich aus „Russendisko“ genau das Gleiche, was er vor ein paar Jahren auch mit dem historischen Reich-Ranicki gemacht hatte. Er poliert den Charakter so lange, bis er bei dem angelangt ist, was er für dessen Kern hält, und ölt ihn dann ein mit seinem großäugigen Blick und seinem Schauspielschulenhochdeutsch.

          Verzicht auf den charakteristischen Akzent

          Wo er bei Reich-Ranicki einen Aspekt der persönlichen Geschichte scharfgestellt hatte, da lässt er auch bei Kaminer, dessen Stimme man ja beim Lesen immer mithörte, den Akzent weg und zeigt so im Vorbeigehen, dass der halt eben nicht nur lustig ist, weil er „Prenzlaur Biärrg“ sagt.

          Als „Russendisko“, das Buch, vor zwölf Jahren erschien, da freute man sich zwar über die vielen kurzen Geschichten, über die Glücksspielgewohnheiten diverser Migrantenpopulationen (“Wenn thailändische Frauen Black Jack spielen, hören alle anderen auf“), über türkische Kater (“Freitags kackte er immer in die Badewanne. Er hatte unsere Badewanne zu seiner Moschee gemacht“) oder über das Liebesunglück „unserer russischen Freundin Marina“. Und obwohl das Erfolgsrezept des Buches gerade in seinem kurzen und kurzweiligen Format lag, wünschte man sich am Ende doch eine größere, weniger sprunghafte Geschichte.

          Der Drehbuchautor übernahm auch die Regie

          Dass der Film zum Buch die Geschichte zwar nicht größer oder tiefgehender, aber doch zumindest konzentrierter gemacht hat, ist schon mal die halbe Miete - und umso erstaunlicher, wenn man von seiner Produktionsgeschichte weiß. Obwohl eigentlich schon für 2006 geplant, konnte Kaminer in Interviews vor vier Jahren noch von der „zweiundzwanzigsten“ Drehbuchfassung sagen, sie werde langsam „immer besser“. Später dann wurde mitten in den Dreharbeiten der Regisseur Oliver Schmitz „einvernehmlich“ durch den fortan in Personalunion agierenden Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg ersetzt.

          Viele kleine Geschichten fehlen jetzt, und viele sind modifiziert, die „Birkenfrau“, der „Professor“ oder die Geschichte der Skulptur „Mutterherz“ kommen nicht mehr vor, die serbische Hexe wird zum afrikanischen Hexenmeister. Doch was noch da ist, das ist eben der Kern des Ganzen, das ist eine Stimmung, die zwar unnötigerweise etwas mehr mit romantischer Liebe zu tun hat als die des Buches, aber dafür genauso viel mit freundschaftlicher Liebe, mit sorgloser Richtungslosigkeit, Alkohol und Lebenskünstlertum.

          Dafür sorgen die Schauspieler, neben Schweighöfer in erster Linie der aus dem „Weißen Band“ bekannte Christian Friedel als genüsslich traniger Kumpel Andrej, und das schafft auch und vor allem der herrliche Soundtrack. Die, zumindest für untrainierte Ohren, authentisch klingenden, russisch-ukrainisch-jüdischen Akkordeonschunkler helfen beim Weichzeichnen, wobei die einzelnen kleinen Geschichten des Buches so ineinanderverschmelzen, wie Tag und Nacht das idealerweise in, ja, der Disko tun.

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