https://www.faz.net/-gs6-6x3oi

Video-Filmkritik : Und eine Feder knallt auf das Parkett: „The Artist“

Bild: F.A.Z., Delphi

Michel Hazanavicius hat eine meisterliche Hommage an den klassischen Stummfilm gedreht. „The Artist“ bringt uns eine vergangene Kunstform noch einmal ganz nah.

          4 Min.

          Jean Dujardin, der Hauptdarsteller von „The Artist“, war neulich in einer amerikanischen Talkshow zu Gast. Als ihn der Moderator auf sein Vorbild Robert DeNiro ansprach, antwortete er mit einer stummen DeNiro-Parodie. Anschließend - „ein kleines Geschenk“ - parodierte er ein Kamel. Und dann DeNiro, der ein Kamel nachmacht. Dies alles, versteht sich, mit dem größten Respekt und zum kreischenden Vergnügen des Publikums.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          So muss man sich die Art vorstellen, wie sich „The Artist“ dem Stummfilmkino nähert: mit Verehrung - und mit einem Augenzwinkern. Das eine wäre bloß museal, das andere nur ein Spaß; beides zusammen ist unwiderstehlich. Es gibt Filme, nach denen die Welt in ein anderes Licht, in kräftigere Farben getaucht ist; dieser gehört dazu. Und das, obwohl - nein, gerade weil - er schwarzweiß ist.

          Der Mann bleibt stumm

          Es beginnt mit einer Szene aus einem Agentenfilm. Der Held wird mit Elektroschocks gefoltert, sein Quälgeist (oder besser: ein eingeblendeter Zwischentitel) fordert: „Sprich!“, doch der Mann bleibt stumm. Dann ist der Film aus, wir sind in einem prächtigen Kinosaal, in dem George Valentin (Jean Dujardin), der Stargast der Premiere, mit seinem Hund Slapstick-Späße macht - aber nach wie vor hört man nur die Musik, die die Bilder begleitet, nicht den Applaus des Publikums, das Kläffen des Hundes, die Schritte auf der Bühne. In diesen zwei Minuten spult „The Artist“ die Kinogeschichte um achtzig Jahre zurück. Zuerst sehen wir nur einem Stummfilm zu. Dann, als sich der Vorhang schließt, sitzen wir mitten darin.

          Seit den Anfängen des Tons im Kino gibt es unter Filmleuten eine Sehnsucht nach der Rückkehr ins Reich der schweigenden Bilder. Billy Wilder hat ihr mit „Sunset Boulevard“ eins seiner Meisterwerke gewidmet, Chaplin huldigte ihr im „Großen Diktator“, und auch bei Hitchcock, der noch mit Stummfilmen angefangen hat, blitzt sie immer wieder auf - man denke nur an die „stumme“ Mordszene in „Psycho“. Viele unvergessliche Bilder bei Kubrick (das tanzende Raumschiff!), Tarkowski, Kurosawa sind geräuschlos, nur mit Musik unterlegt; und auch Martin Scorseses neuer Film „Hugo Cabret“, eine Hommage an den Kinopionier Georges Méliès, spielt mit dem Reiz des Stummfilms (und seiner Überhöhung in 3D).
          Leute forderten ihr Geld zurück

          Aber alle diese Filme sprechen von etwas Unwiederbringlichem. Kein Regievirtuose bringt es mehr zurück. Und genau darin, dass er diese Wahrheit bestreitet, liegt der Knalleffekt von „The Artist“. Man mag sich kaum vorstellen, was passiert ist, als Michel Hazanavicius, der Regisseur, sein Projekt zum ersten Mal einem Produzenten vorgestellt hat: Lasst uns einen Stummfilm drehen! Dazu noch einen, der vom Untergang des Stummfilms handelt!

          In Amerika und England soll es Leute gegeben haben, die nach den ersten Minuten des Films an die Kinokasse gelaufen sind, um ihr Eintrittsgeld zurückzufordern. Sie haben sich ihren Fortschrittsglauben bewahrt - und damit gerade das verpasst, was das Kino seinen Zuschauern trotz aller technischen Feinheiten immer seltener gewährt: Verzauberung und Entfesselung, Rührung und Entzücken, den Glanz und die Tiefe der Illusion. In „The Artist“ ist das alles wieder da.

          Tänzerinnenbeine und ein frisches Gesicht

          Vor dem Kino, in dem sein Film „A Russian Affair“ Premiere hatte - der nächste wird „A German Affair“ heißen -, fällt dem Stummfilmstar George Valentin ein weiblicher Fan vor die Füße: Peppy Miller, ein Fräulein mit Tänzerinnenbeinen und frischem Gesicht, das von den Pressefotografen sogleich abgelichtet wird. Im Filmstudio „Kinograph“, wo Peppy (Bérénice Bejo) sich als Statistin bewirbt, trifft er sie wieder und verschafft ihr eine kleine Rolle; sie bedankt sich mit einem Solo in seiner Garderobe, bei dem sie dem Frack ihres Idols heimlich jene Gefühle offenbart, die sie seinem verheirateten Träger nicht zu gestehen vermag. Und in Valentins Garderobe spielt auch jene Szene, die zum ersten Mal den Abgrund aufreißt, über dem diese Geschichte tanzt.

          Weitere Themen

          Berlinale vor Jubiläums-Festival Video-Seite öffnen

          Neues Führungsduo : Berlinale vor Jubiläums-Festival

          Knapp einen Monat vor Eröffnung der 70. Internationalen Filmfestspiele besuchten Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian die Produktion der Berlinale-Bären. Unterdessen sorgt der Jury-Präsident Jeremy Irons für Schlagzeilen.

          Topmeldungen

          Impeachment-Verfahren im Senat : Scheitern mit Ansage

          Gut zwölf Stunden dauerte der erste Tag des Prozesses gegen Donald Trump im Senat. Dabei ging es nur um die Verfahrensregeln. Die Demokraten stellten lauter Änderungsanträge. Die Republikaner schmetterten alles ab.
          Ein kleiner Schritt für die Menschheit: Mit jedem gestreamten Video vergrößert sich unser ökologischer Fußabdruck.

          Klimawandel : Dürfen wir noch streamen?

          Jedes Video, das wir online ansehen, schadet dem Klima. Denn die Datenströme verbrauchen große Mengen an Energie. Ist eine Staffel „Game of Thrones“ also so schlimm wie ein Inlandsflug?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.