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Video-Filmkritik : Träume des Kussforschers: „Das rote Zimmer“

  • -Aktualisiert am

Bild: Moana

„Das rote Zimmer“ erzählt von einem Liebesexperiment in Vorpommern. Der Wissenschaftler Fred, der beruflich das Küssen erforscht, trifft auf Luzie und Sibil, die sich beide in ihn verlieben.

          Auch in Ostvorpommern trägt die Göttin der Liebe den Namen Venus. Sie trägt ihn spielerisch und leicht, wie das Badetuch, in das sie sich schlägt, nachdem sie einem Weiher entstiegen ist. Den fremden Mann, der im Sand vor einem kleinen Lagerfeuer liegt, steuert sie zielsicher an, und nachdem sie unbefangen eingestanden hat, dass sie schon beim Schwimmen einen Orgasmus hatte, steht ihr der Sinn nun nach einem Weiteren: „Mit einem Mann ist es einfach besser.“

          Da ist er wieder, der unverwechselbare Tonfall, in dem bei Rudolf Thome die Geschlechter miteinander sprechen: ein wenig naseweis, ein wenig poetisch, mythologisch resonant und doch immer dem Praktischen zugewandt, das in dieser Szene in seinem neuen Film „Das rote Zimmer“ ein abendlicher Liebesakt unter dem großen Himmel Ostvorpommerns ist. Es ist eine Begegnung wie im Spuk, die aber in das Liebesexperiment, von dem Thome hier erzählt, ein wichtiges Moment bringt: Balance, Umverteilung des Begehrens, libidinösen Ausgleich.

          Über die Jahre hat der über München nach West-Berlin gelangte, mittlerweile neben Wim Wenders wohl ausdauerndste Vertreter des Neuen deutschen Films ein Werk zustande gebracht, das sich recht gut als riesiges Venus-Projekt begreifen lässt - dem göttlichen Potential der Frau steht dabei immer wieder das intellektuelle Interesse von Männern gegenüber, die ihre Philosophie oder eine andere Wissbegierde (und schließlich auch den Phallus) hinter sich zu lassen bereit sind, um in eine andere Ordnung einzutreten.

          In der Kuschelbude läuft „Tagesschau“

          Der Mann, der sich im Ostvorpommerschen mit der Venus vereinigt, gehört auch in diese Reihe. Fred Hintermeier (Peter Knaack) ist Philematologe. Er erforscht wissenschaftlich, was geschieht, wenn Menschen küssen. Er ist ein Speichelrechner, und schon in einer der ersten Szenen von „Das rote Zimmer“ tritt ihm die Skepsis gegenüber seinem Fach in Gestalt seines Vorgesetzten Prof. Mühsam (Hanns Zischler mit einer bizarren Krawatte) entgegen. Aber Fred Hintermeier wäre keine Figur von Rudolf Thome, wenn er nicht in stiller Unbeirrbarkeit einfach das täte, was er sich vorgenommen hat. Er wird schließlich, gleich nach seiner Scheidung in Berlin, zum Teil eines Liebesexperiments, für das er nach Ostvorpommern fahren muss.

          Dort leben nämlich Luzie (Katharina Lorenz) und Sibil (Seyneb Saleh) in einem schönen Haus inmitten wogender Felder und bergender Wälder. Die beiden Frauen sind ein Paar, das sich die Erforschung der Geheimnisse der Seele zur Aufgabe gestellt hat. Gelegentlich fahren sie nach Berlin und lassen sich an Orten mit Büchern von Männern ansprechen, die sie dann zu einem Interview einbestellen, nach dem sie meistens schnurstracks wieder nach Hause geschickt werden. Nur bei Fred ist das anders, er wird einem „Ewigkeitstest“ unterzogen, der ihm unter anderem Zugang zu dem roten Zimmer gewähren wird - wer sich dort nun aber Tantra und andere kosmische Experimente erwartet, liegt fehl, in der Kuschelbude läuft zuerst einmal die „Tagesschau“.

          Ausgewanderte aus der Gegenwart

          Dieser (unbeabsichtigt?) urkomische Moment verdeutlicht sehr schön das seltsame Wirklichkeitsverhältnis, das die Figuren bei Rudolf Thome immer schon hatten. Sie sind Ausgewanderte aus der Gegenwart, und wenn sie im Fernsehen eine Nachrichtensendung sehen, dann tun sie das so, als wüssten sie gar nicht, wovon die Rede ist. Sie leben auf einer Insel, die sich in diesem Fall aus den Feldern der deutschen Tiefebene erhebt. Stärker noch als zuletzt verweist Thome in „Das rote Zimmer“ auf sein eigenes Schaffen, auf die Vamps aus „Rote Sonne“, auf die Südseeträume aus „Beschreibung einer Insel“, auf die erotischen Gleichungen der achtziger Jahre (“Tarot“ oder „Sieben Frauen“).

          Seit über vierzig Jahren entsteht dieses Werk nach ganz eigenen Gesetzen (und in einer wundersam erscheinenden Ökonomie, die zuletzt vor allem auf Verbindungen zur Degeto, der Trivialtochter der ARD, beruht). Manchmal wirkt die Entrücktheit wie eine besonders nachhaltige Form der Unbotmäßigkeit, dann aber gibt es wieder Phasen einer schwer nachvollziehbaren Verschmocktheit. Diese Konjunkturen, in denen in den besten Momenten eine großartige Intuition gegen den jeweiligen Zeitgeist erkennbar wird, in den schwächsten Momenten aber die vielen schönen Seelen Thomes in Biedersinn ersticken, verlaufen in den letzten Jahren, nach einer Reihe von gegenwärtigeren Filmen mit Hannelore Elsner, wieder stärker ins Esoterische. „Das rote Zimmer“ gehört, wie zuletzt schon „Pink“ und in Ansätzen „Das Sichtbare und das Unsichtbare“, in das Genre einer Idylle, in der um Götterbesuch kein großes Aufhebens gemacht werden muss, weil auch die anderen Figuren wie nicht ganz von dieser Welt sind.

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