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Video-Filmkritik : Totengesang der Gefühle: „Blue Valentine“

Bild: Senator Film Verleih

Kammerspiel des modernen Lebens: Derek Cianfrances „Blue Valentine“ ist ein bestürzender und beglückender Film über den Anfang und das Ende einer Liebe.

          4 Min.

          Als alles vorbei ist, als es keine Hoffnung mehr für Dean und Cindy gibt, ihre Familie, ihre Ehe - da zieht Dean seinen Ehering vom Finger und wirft ihn wie ein Stück Unrat ins Gebüsch. Dann aber, nach kurzem Zögern, beginnt er den Ring genau dort zu suchen, wo er ihn gerade hingeschleudert hat. Und Cindy steigt aus dem Wagen und hilft ihm dabei. Das ist das sprechendste, zugleich komischste und traurigste, verzweifeltste Bild dieses Films: wie zwei, die sich trennen werden, im Unterholz nach dem Relikt jener Liebe tasten, die sie verloren haben.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wenn die Geschichte vom Jungen, der ein Mädchen trifft, die älteste der Welt ist, dann ist die vom Ende der Liebe die zweitälteste. Das Kino aber mag diese zweite Geschichte nicht, es fürchtet ihre dunklen und deprimierenden Seiten und versteckt sie deshalb gern in Genrefilmen, in denen Detektive und Agentinnen einfach keine Zeit haben, sich um ihre Liebespartner zu kümmern.

          Nur in den amerikanischen Scheidungsdramen der siebziger und achtziger Jahre, wie Robert Bentons „Kramer gegen Kramer“, war die Trennung eine Zeitlang das zentrale Thema. Aber damals ging es mehr um Emanzipation, Unterhalt und Sorgerecht, um die Verteilung realer und symbolischer Macht, als um den Totengesang der Gefühle. Der Raum der Klage, in dem jede abgestorbene Liebe endet, hat sich auf der Leinwand nur selten aufgetan.

          Dieser Raum öffnet sich in „Blue Valentine“, dem zweiten Spielfilm des Amerikaners Derek Cianfrance, auf bestürzende und beglückende Art. Er öffnet sich, weil Cianfrance nicht nur die eine, bittere, sondern auch die andere, ihr vorangehende Geschichte erzählt, den Anfang des gemeinsamen Glücks; und weil er die beiden Geschichten, die von der Morgenröte und die vom Untergang der Liebe, nicht nacheinander abspult, sondern ineinander spiegelt, so dass zwischen ihnen der Abgrund sichtbar wird, in dem die Leidenschaften des Lebens versinken: der Abgrund der Zeit, die vergeht.

          Wer sich liebt, verletzt sich

          Der Film beginnt mit einem Tag im Leben von Cindy (Michelle Williams) und Dean (Ryan Gosling), die mit ihrer kleinen Tochter in einem Haus am Rand der Landstraße wohnen, irgendwo in Pennsylvania. Das Kind sucht seinen Hund, der im Wald verschwunden ist, die Eltern zanken sich beim Frühstück, am Nachmittag gibt es eine Schulfeier, und anschließend wird die kleine Frankie zu den Großeltern gebracht, wo sie das Wochenende über bleiben soll. Ein ganz normaler Familienalltag also - nur dass die Kamera in Cindys Gesicht etwas entdeckt, das mehr als stressbedingte Müdigkeit ist, ein Verzagen und jähes Erschrecken, in dem sich der kommende Gang der Dinge schon abzeichnet. Auf dem Weg zur Schule fährt sie an den Straßenrand und sinkt über dem Lenkrad zusammen; und als sie endlich neben Dean im Auditorium sitzt, hat sie Tränen in den Augen.

          Kurz danach setzt die erste Rückblende ein. Und wir sehen, wie Dean und Cindy, sechs Jahre früher, sich kennenlernen. Er hat die Schule abgebrochen und arbeitet bei einer Umzugsfirma, sie bereitet sich auf ein Medizinstudium vor und betreut ihre Großmutter im Pflegeheim. Dort treffen sie sich, und für Dean ist es Liebe auf den ersten Blick, während Cindy, die sich gerade erst von ihrem gewalttätigen Collegefreund getrennt hat, zunächst auf Abstand geht. Aber dann sehen sie sich im Bus wieder, flirten und verbringen einen langen Abend in New York, Dean spielt auf seiner Ukulele, und Cindy tanzt dazu: „You always hurt / The ones you love ...“ Wenig später sind sie ein Paar.

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