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Video-Filmkritik: „Tim und Struppi“ : Was hat Spielberg nur aus Hergés Geniestrich gemacht?

Revolutionäre Zeichenkunst

Dann kommt Hergé persönlich. Spielberg hat es sich nicht nehmen lassen, seinen Tim, den Jamie Bell verkörpert, der mit „Billy Elliot“ berühmt geworden ist, auf einem Flohmarkt mit einem Porträtzeichner zusammentreffen zu lassen, der die Züge Hergés trägt und lauter Blätter mit Protagonisten aus „Tim und Struppi“ zum Verkauf anbietet.

Da sieht man aber schon, was für ein Unterschied besteht zwischen der revolutionären Zeichenkunst des Belgiers und der Motion-Capturing-Technik, mit der der Amerikaner arbeitet. Die Erste lebt, obwohl sie starr ist, die Zweite wirkt leblos, obwohl sich alles bewegt.

Die Starbesetzung bleibt unsichtbar

Denn die Starbesetzung des Spielbergfilms - neben Bell noch Daniel Craig und Andy Serkis (der allerdings niemandem mit seinen echten Zügen im Gedächtnis geblieben sein dürfte, sondern überzeichnet als Gollum im „Herrn der Ringe“ oder als „King Kong“ von Peter Jackson) - spielt zwar, ist aber nicht zu sehen. Alle Aufnahmen der Akteure dienten lediglich als Vorlagen für die komplett animierte Bildwelt der „Tim und Struppi“-Verfilmung, die aber auch kein klassischer Trickfilm sein will, weil alles ja auf den real gedrehten Szenen beruht. Diese Zwitterform ist so alt wie der abendfüllende Trickfilm; schon das Schneewittchen in Walt Disneys gleichnamigem Film von 1937 wurde auf diese Weise animiert, allerdings noch nicht durch Computer mittels der Signale elektronischer Markierungspunkte am Körper der Schauspielerin, sondern durch mühseliges Übermalen Bild für Bild.

Nun ist es kein Zufall, dass schon in „Schneewittchen“ diese Szenen die seelenlosesten waren, während die vollkommen frei animierten Zwerge für die Sensation sorgten. Und so ist es ein Dreivierteljahrhundert später immer noch: Kunst braucht Freiheit, sklavische Abbildungstreue ist ein Fluch. Niemand wusste das besser als Hergé.

Unverzeihliche Streichungen

Dass Spielberg sich für seinen Film, der den Untertitel „Das Geheimnis der ,Einhorn’“ trägt, nicht nur des gleichnamigen Albums bediente, sondern auch bei „Die Krabbe mit den goldenen Scheren“ und „Der Schatz Rackhams des Roten“ - geschenkt. Dass die Handlung kindisch ist - verziehen. Dass sich der vollständig computergenerierte Struppi bisweilen wenig realitätsnah bewegt - erstaunlich bei diesem Aufwand, aber vernachlässigbar.

Aber dass Spielberg und Jackson eine der mythischen Hergé-Geschichten wählen, dann jedoch deren jedem Leser unvergessliche Momente streichen - die Tauchgänge mit dem Haifisch-Tauchboot oder den ersten Auftritt von Professor Bienlein -, das ist unbegreiflich. Dass der von Serkis personifizierte Kapitän Haddock eine bessere Hauptfigur hergibt als Bienlein, ist klar, und auch der von Craig verkörperte Sakharin ist gewiss bedrohlicher als die feinen Brüder Vogel-Faull aus dem Comic. Doch wenn der Meistererzähler Spielberg dem Meistererzähler Hergé die Pointen wegstreicht, bleibt von beider Meisterschaft wenig übrig. Nur einer von ihnen ist daran schuldlos.

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