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Oscar-Favorit in der Kritik : Die Frau hat eine Idee

Woody Harrelson spielt Willoughby, und es ist eine Rolle, in der er zu Hause ist, charmant, eloquent, ein bisschen selbstverliebt und in der Erwartung, jede Situation zu beherrschen. Doch hier verliert er die Kontrolle gleich zweimal. Nicht spektakulär, nicht im landläufigen Sinn. Vielmehr entgleitet sie ihm einfach – einmal, weil Mildred etwas Ungeheuerliches sagt, über das sie selbst erschrickt, was sie aber nicht zugibt, sondern mit einem Zusammenkneifen der Augen sich erst eingesteht, als der Sheriff sich bereits abgewendet hat. Und ein zweites Mal, als Willoughby im Gespräch mit ihr husten muss und dabei Blut spuckt. „O Baby, Baby“, sagt Mildred zu ihm und nimmt ihn in den Arm, und in diesen Wörtern, dieser Geste verliert sich ihre Grausamkeit zuvor für einen Augenblick, und eine Zärtlichkeit kommt zum Vorschein, die sich diese Frau nur noch einmal gestattet, und da spricht sie mit einem Reh, das möglicherweise ihrer Phantasie entsprungen ist.

Es gibt nicht viele Darsteller, die das spielen könnten und damit einen ganzen Kosmos an möglichen Emotionen in einer Figur aufreißen, wie diese beiden es hier tun. Wir erleben in dieser Geschichte von Rachewunsch und Feindseligkeit und Gefühlskälte immer wieder derartige Augenblicke von überraschender Intimität. Augenblicke, in denen die Figuren sich plötzlich nahe kommen, den anderen ansehen, etwas erkennen und reagieren. Mildred allerdings geht immer wieder dahin zurück, wo sie anfing: zu ihrer Fassungslosigkeit über den Tod der Trauer, die sie in selbstgerechte Grausamkeit verwandelt.

Frances McDormand wurde für ihre Rolle als Mildred Hayes bei den Golden Globes als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet.

Auch Dixon wird seine Trauer über den Tod eines Menschen, der vielleicht als einziger etwas Anstand in ihm entdecken konnte, in Gewalt ausagieren. Und während die Öffentlichkeit von Ebbing, die hier nur zitiert wird, Mildreds Vorgehen unangemessen findet, unterstützt sie ein kleinwüchsiger Mann, gespielt von Peter Dinklage, den sie sehr verletzt. „Du glaubst vielleicht“, sagt er ihr bei einem verpatzten Restaurantbesuch, „ich sei kein großer Fang. Und was ist mir dir? Du lächelst nie. Du beschimpfst Sterbende. du denkst, Du hast immer recht. Und ich bin kein Fang?“

„Three Billboards ...“, gerade für zahlreiche Oscars nominiert, ist auch ein Film der großen Reden. Diese von Peter Dinklage ist eine davon. Eine andere hält Mildred dem Pfarrer der Gemeinde, der ihr den Unwillen seiner Schäfchen überbringt. Die letzte schließlich gehört Willoughby, der Briefe schreibt, als wäre er ein Dichter, nicht ein Sheriff.

Auch wegen dieser poetischen Kraft bei aller Grausamkeit wäre die Geschichte möglicherweise ein Stoff für die Brüder Coen gewesen, in deren Filmen Frances McDormand als Schauspielerin groß geworden ist. Vor allem „Fargo“ taucht in der Erinnerung auf, das viele Blut im Schnee und die rechtschaffene Polizistin, die den Dingen hartnäckig auf die Spur zu kommen versucht. Mildred ist in gewisser Weise ihre verbitterte Schwester, eine Frau, die ihre Trauer umleitet in Aktion und in Wut und in ungerechte Anklagen, die wir ihr nur verzeihen, weil ihre Tochter tot ist, „raped while dying“ eben, verbrannt.

Immer wieder setzt Musik ein (von Carter Burwell, dem Hauskomponisten der Coens), von der die Handlung dieses erstaunlichen Films unterbrochen wird, immer wieder schaltet der Film leere Bilder zwischen das Geschehen, Bilder der Landschaft vor allem, in der die Werbeflächen stehen. So verankert der Regisseur seine Geschichte in der Gegend, in der sie spielt, in dem Land, das die Gewalt hervorbringt, deren Opfer nicht mehr zu helfen ist, und die alle anderen zu Überlebenden macht, bis sie selbst zu Tätern werden.

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