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Video-Filmkritik: „The Tree of Life“ : Requiem für einen verlorenen Sohn

Bild: Concorde

Terrence Malick dreht nicht viele Filme, doch allesamt sind sie Meisterwerke. Das beweist auch sein jüngster Film „The Tree of Life“.

          Es geht um alles in diesem Film. Darum, wie die Welt entstand, und darum, wie eine Mutter ihrem Kleinkind Jod auf eine Wunde streicht. Es geht um die langen Sommer der Kindheit, in die der Tod einbricht, und wie sie dann einfach weitergehen, um die Erinnerung an den Vater, wie er seinen Söhnen die Wange hinhält, auf die sie schlagen sollen, um zu lernen, sich durchzusetzen. Es geht um den Glauben und wie ihn die Mutter beinahe verliert, um die Evolution, die Natur und um das Nachthemd einer Nachbarin.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          „The Tree of Life“ führt über die Dinge des Lebens an den Grund alles Nachdenkens überhaupt: woher wir kommen, wohin wir gehen und warum Gott, welcher auch immer, selbst seinen Gläubigen nicht antwortet, und wie die Natur nicht stillsteht, einerlei, was uns zustößt. All dies in einem Film, der wie zuletzt nur Stanley Kubricks „2001 - Odyssee im Weltraum“, alle Sinne einbindet und uns im Fluss der Bilder an Orte der Wahrnehmung trägt, die wir lange nicht besucht hatten.

          Im sogenannten Arthouse-Bereich gibt es wenige Ereignisse, die mit ähnlicher Spannung erwartet werden wie ein neuer Film von Terrence Malick, was auch damit zu tun hat, dass seine Filme so selten sind. Insgesamt hat der Mann aus Illinois nur fünf gedreht, und zwischen ihnen liegen lange Abstände, einmal ganze zwei Jahrzehnte - 1978 kam „Days of Heaven“ (Die Glut des Südens) heraus, 1998 erst sein nächster, „The Thin Red Line“ (Der schmale Grat).

          Größter Visionär seit dem Tod Kubricks

          Es hat aber auch damit zu tun, dass von ihm, dem größten Visionär des Kinos seit Kubricks Tod, jedes Mal kaum weniger als ein Meisterwerk erwartet wird, ein Film, mit dem wir ein neues Sehen lernen und unsere Aufmerksamkeit neben dem Großen auf das Beiläufige gerichtet wird, das die Ereignisse begleitet, auf die Grashalme etwa, die sich im Wind biegen, während das Blut der Kämpfer ins Schlachtfeld sickert, oder auf den Wind, der ein Fenster in den Rahmen schlägt.

          Malicks jüngstem Film gingen wie immer wilde Spekulationen voraus. Als noch niemand „The Tree of Life“ gesehen hatte, schrieb der legendäre britische Filmkritiker David Thomson, es gebe Gerüchte, dass es sich entweder um eine Familiengeschichte oder aber um eine Erzählung aus dem Kosmos handele. Und er fragte: Könnte es nicht beides sein? Wäre es Malick nicht zuzutrauen, im Rahmen der einen Geschichte von der anderen zu erzählen?

          Malick gewann die Goldene Palme von Cannes

          Und so kam es. Malick entwirft in „The Tree of Life“ Bilder der Erinnerung an eine Kindheit in den fünfziger Jahren in Texas, in der Glück und Verlust sich auf der Leinwand in Szenen von unfasslicher Leichtigkeit ausbreiten, während gleichzeitig das kosmische Geschehen vom Urknall zum Verglimmen unserer Sonne und die Evolution vom Einzeller über die Dinosaurier zum Hammerhai sich vor unseren Augen entfalten. In Cannes, wo der Film schließlich die Goldene Palme gewann, hielten sich nach der Premiere die begeisterten mit den abwartenden und auch ablehnenden Reaktionen ungefähr die Waage.

          Die einen waren überwältigt von der filmischen Wucht dieser alles umspannenden Erzählung. Die anderen fühlten sich genervt von der schieren Größe des Unterfangens, die Naturgeschichte mit der Anrufung Gottes und den Geschehnissen in der Familie O'Brien zusammenzudenken. Wird hier die Kleinheit des Menschen angesichts der Größe Gottes und seiner Schöpfung beschworen? Wird Schicksalsergebenheit gepredigt? Wird überhaupt ein bisschen viel gepredigt?

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