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Video-Filmkritik: „The Master“ : Giftige Drinks, verlorene Seelen

Ähnlichkeiten mit L. Ron Hubbard

Dodds ist ein Scharlatan, der Hypnose mit Erinnerungsarbeit und kosmischem Unfug verbindet - es gibt da schon einige Ähnlichkeiten mit Hubbards Dianetics -, einer, der seine Jünger nicht nur an die Ursprünge dieses Lebens, sondern an die Anfänge früherer Leben zurückführen will, einer, der sich unverstanden fühlt, bis er den ersten Bestseller schreibt. „Kontrollieren Sie Ihr Leben. Wir zeigen Ihnen, wie Sie produktiver werden.“ Das alles könnte Hubbard sein. Aber es spielt für „The Master“ keine große Rolle.

Denn „The Master“ ist vor allem ein Film über Amerika in jenen Jahren nach dem großen Krieg, aus dem an Körper und Seele verletzte Veteranen zurückkamen, denen ihr Land keine Heimat, nicht einmal eine vernünftige Arbeit bot, und über ein Land, in dem vom Krieg unberührt gebliebene Bürger dem Gefühl nicht entrinnen konnten, die Kämpfe jenseits ihrer Küsten müssten doch für etwas anderes noch geführt worden sein als für Macht und ihren Luxus daheim. Nachkriegszeiten sind gute Zeiten für Heilsversprechen. Und hier kommt Dodds ins Spiel.

Das ganz große Kino

In der Darstellung von Philip Seymour Hoffman verbindet sich in dieser Figur Orson Welles mit W. C. Fields, es mischen sich Grandiosität, die von sich selbst weiß, mit Körperwitz und Spiellust, intensives Interesse mit Selbstüberschätzung, Feigheit auch. Dodd ist ein Scharlatan, begabt, führungsstark, aber auch ein Pantoffelheld, der sich wegduckt, wenn seine Frau (Amy Adams) ihm sagt, wie es weitergeht, und auch, dass Freddy verschwinden muss.

Wenn Sie Glück haben, können Sie diesen Film, den Paul Thomas Anderson im 65-mm-Format gedreht hat, auf einer Leinwand in einer 70-mm-Kopie sehen, in den meisten Häusern spielt er im 35-mm-Format. „The Master“ ruft in seinen Bildern und Figuren das ganz große Kino auf, es ist ein Film, gesättigt von den Noirs der späten Vierziger und Fünfziger, in denen die Helden auch auseinanderfielen, aber nicht in so kleine Stücke wie Freddy.

Die Frage nach der Erlösung

In Andersons vorangegangenem Film, „There Will Be Blood“, haben wir gesehen, wie nach dem Land dessen Inneres, das Öl, in Besitz genommen wurde, jetzt ist die Frage, wie die Seelen, die geschundenen, zu erlösen seien. Dazu hatten nach dem Zweiten Weltkrieg neben L. Ron Hubbard auch Wilhelm Reich oder Lee Strasberg so ihre Ideen. Und zumindest Strasberg kommt Dodd in der Szene, in der er Freddy von der Wand zum Fenster und zurück laufen lässt, mit geschlossenen Augen und im Namen eines Gefühls, das auf diese Weise zu ergründen sei, beunruhigend nahe.

Was fühlen die Menschen, die dieser Therapiestunde zuschauen, in der Hoffnung, etwas von der Weisheit zu ergattern, die Zugang zu früheren Leben verschafft und daher auch Unsterblichkeit in weiteren Leben verspricht, die noch folgen werden? Was wollen sie? Wonach könnten sie sich sehnen? „The Master“ gibt uns darauf keine Antwort, und auch auf alle anderen Fragen nicht. Es liegt eine ungewöhnliche Ambivalenz über allem, und das mag mit der Liebesgeschichte zwischen Dodd und Freddy zu tun haben, die gänzlich unmöglich wird in dem Augenblick, in dem irgendjemand außer diesen beiden auch nur vermutet, dass es sie gibt. Die Liebe bleibt so unbestimmt wie das Gerede, deshalb rettet sie Freddy auch nicht. Es gab einmal eine andere, die ganz konkret war, doch die ließ er gehen. Es gibt keine Rettung in diesem Film, in diesen Bildern, in diesem Leben und allen, die Freddy bereits durchlitten haben mag.

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