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Video-Filmkritik : „The King’s Speech“: Ihr sollt gerührt sein!

Bild: Senator

Regisseur Tom Hooper erzählt die Geschichte des britischen Königs George VI., der lange Zeit unter einem schweren Sprachfehler litt. Bis er dem Therapeuten Lionel begegnete.

          5 Min.

          Als der König dann endlich spricht zu seinen Untertanen, die an den Radiogeräten sitzen und lauschen, bekommt er die schlagkräftigste Unterstützung, die sich ein stotternder Monarch nur wünschen kann: Musik. Es ist der zweite Satz aus Beethovens siebter Symphonie, den der Regisseur Tom Hooper über die Ansprache Georgs VI. gelegt hat, ein heroischer Gewaltmarsch der Bässe, Geigen, Bläser, zuletzt des gesamten Orchesters durch die Abgründe und Feuerschlünde des a-Moll-Allegretto, in dem der Leidensweg und schließliche Sieg des britischen Volks in jenem Zweiten Weltkrieg, der an diesem 3. September 1939 auch in England beginnt, schon vorweggenommen ist.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Als der letzte Ton der Worte wie des Beethovensatzes verklungen ist, weiß jeder, dass die Briten es schaffen werden, schon deshalb, weil es ihr König geschafft hat, diese Rede zu halten - gegen alle Widerstände, die ihm sein Körper, seine Scheu vor der Öffentlichkeit und nicht zuletzt die Dramaturgie des Films auferlegen.

          Man kann über „The King's Speech“ nicht reden, ohne zugleich mitzubedenken, dass es hier um den wahrscheinlichen großen Oscar-Gewinner des Jahres 2011 geht, den Film, der sich unter die von Hollywood gekrönten Champions der Kinogeschichte einreihen wird.

          Für zwölf Oscars nominiert

          Was immer man über Tom Hoopers Zweipersonendrama sagt und schreibt - denn das ist es letztlich: ein Mann, der stottert, und ein anderer Mann, der ihm das Stottern austreiben will -, ist auch ein Kommentar zum filmischen Geschmack der Academy, deren jährliche Preisverleihung inzwischen eine mediale Aufmerksamkeit genießt, die über ihre tatsächliche Bedeutung weit hinausgeht. Hier stimmt nicht die Weltgemeinde des Kinos, sondern bloß die amerikanische Filmindustrie über ihre Favoriten ab - und dennoch tun alle so, als wäre das Urteil der sechstausend Rentner und Aktiven aus dem Umkreis der großen Studios der Richterspruch der Nachwelt selbst.

          So wird es auch, wenn alles läuft wie vorhergesagt, bei „The King's Speech“ sein. Kriegshelden und Bewahrer der Monarchie; seine stärksten Konkurrenten, die Coen-Brüder mit ihrem Western-Remake „True Grit“, haben schon vor drei Jahren den Academy-Segen für „No Country for Old Men“ empfangen. Deshalb dürfte für Tom Hooper und seine Produzenten wohl tatsächlich nicht mehr viel schiefgehen. Außerdem passt der Film perfekt in ein Schema, nach dem zahlreiche Oscar-Gewinner der vergangenen Jahrzehnte funktioniert haben. Man könnte es das Aschenputtel-Prinzip nennen - nur dass sich die Märchenperspektive in den Oscar-Filmen auf vielsagende Weise verschoben hat: Nicht mehr die Küchenmagd, sondern der Prinz ist nun der Held der Geschichte.

          Das Oscar-Erfolgsrezept

          Eine reiche Südstaatenwitwe lässt sich von ihrem schwarzen Fahrer politisch aufklären (“Miss Daisy und ihr Chauffeur“, Oscar 1989). Ein Westerner lernt, die Kultur der Indianer zu schätzen (“Der mit dem Wolf tanzt“, Oscar 1990). Ein Westerner rächt eine misshandelte Prostituierte (“Erbarmungslos“, Oscar 1993). Eine amerikanische Magnatentochter verliebt sich in einen armen Künstler (“Titanic“, Oscar 1998).

          Eine reiche Komtess verliebt sich in den armen William Shakespeare (“Shakespeare in Love“, Oscar 1999). Ein Boxtrainer baut eine Kellnerin zur Profiboxerin auf (“Million Dollar Baby“, Oscar 2005). Ein rassistischer weißer Polizist rettet einer jungen Schwarzen das Leben (“L.A. Crash“, Oscar 2006). Es ist die Wiederkehr der klassischen Erfolgsstory in moralisch veredelter Form: als Geschichte einer Integration von oben.

          Kriegsheld und Bewahrer der Monarchie

          „The King's Speech“ beginnt im Keller des Stadions von Wembley. Albert, Herzog von York (Colin Firth) wird auf die Rede zum Abschluss der Kolonialausstellung des Jahres 1925 vorbereitet, die er oben auf der Stadiontribüne halten soll. Sein Gesicht ist weiß vor Panik. Das Manuskript zwischen den verkrampften Fingern, tritt er ans Mikrofon und liest: „Ich habe eine Botschaft erhalten von meinem Vater, dem K. . .“. Dann stockt er. Das K des Königs will nicht über seine Lippen. Er versucht es ein zweites, ein drittes Mal, vergeblich. Die Rede wird abgebrochen.

          Das ist das erste der beiden Fegefeuer, durch die Albert hindurchmuss, bevor er zu King George VI. wird, dem Kriegshelden und Bewahrer der Monarchie. Das zweite liegt im schummrigen Souterrain eines Backsteinblocks in einer Londoner Arbeitergegend, in den Albert Frederick Arthur George, wie er mit vollständigem Namen heißt, von seiner fürsorglichen Gattin Elizabeth (Helena Bonham Carter) geschleppt wird, damit er endlich sein Stottern in den Griff bekommt. Es ist seine letzte Chance.

          Freier Umgang mit der historischen Wahrheit

          Der Mann, auf den er in dieser Höhle trifft, ist die Respektlosigkeit auf zwei Beinen. Er besteht darauf, den Duke of York als „Bertie“ anzureden, er fragt ihn über seine Eltern, Geschwister und Kindermädchen aus, schüttelt ihn, lässt ihn über den Boden rollen und obszöne Flüche ausstoßen. Dabei hat dieser Mann nicht einmal eine ärztliche Zulassung, er ist weder Doktor noch Engländer, sondern nur ein aus Australien zugewanderter verkrachter Schauspieler und Autodidakt. Und doch ist der Sprachtherapeut Lionel Logue (Geoffrey Rush) für Bertie alias Albert alias George VI. die Rettung. Und Bertie ist es, auf eine seltsame, verquere Weise, auch für Lionel Logue.

          Der Film erlaubt sich einige Freiheiten mit der historischen Wahrheit. Die Harley Street, in der Logue praktizierte, war ein bekanntes Medizinerviertel und kein verräuchertes Loch. Und Albert, Herzog von York, der nach der Abdankung seines Bruders Edward wegen dessen Liaison mit der geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson im Jahr 1936 König von England und Herrscher über das Britische Empire wurde, überwand sein öffentliches Stottern nicht erst bei Kriegsausbruch, sondern bereits 1927 vor dem australischen Parlament in Canberra, nach nur zweijähriger Behandlung durch Logue. Zudem soll dieser, was wirklich schade ist, seinen berühmten Patienten auch nie „Bertie“ genannt haben.

          Firth und Rush sind ebenbürtige Partner

          Aber das alles ist unwichtig, wenn man Colin Firth und Geoffrey Rush vor der Kamera spielen sieht. Beide haben schon besser bezahlte Rollen gespielt - Firth in „Bridget Jones“, Rush in „Fluch der Karibik“ -, aber keine besseren. David Seidlers Buch zu „The King's Speech“ gibt ihnen, was ihnen bisher schmerzlich gefehlt hat: einen ebenbürtigen Partner.

          Wenn Firth und Rush ihr unsterbliches Duell austragen, der eine verpanzert in seiner hochadligen Lebensscheu, der andere platzend vor Bonhomie, vergisst man, was dem Film an dramaturgischer Gelenkigkeit fehlt: „Inhalieren Sie keinen Rauch in die Lunge, das kann Sie töten.“ - „Meine Ärzte sagen, es entspannt die Rachenmuskeln.“ - „Sie sind Idioten.“ - „Sie wurden alle geadelt.“ - „Dann ist es ja amtlich.“ Am Ende, das ist eine historische Pointe, die der Film auslässt, erlag der kettenrauchende König seinem Laster. Und geadelt wurde natürlich auch Lionel Logue.

          Die Schablonenhaftigkeit der britischen Monarchie

          Die Geschichte gerät ins Stottern, sobald der Film Logues Behandlungszimmer verlässt. Helena Bonham Carter, Michael Gambon (Georg V.), Guy Pearce (Edward VIII.) und Timothy Spall (Churchill) sind großartige Schauspieler, doch auch sie können nicht verhindern, dass „The King's Speech“ in seinen Bildern aus dem Innenleben der britischen Monarchie jene gewisse Schablonenhaftigkeit ausstrahlt, die durch langjährige Fernsehpraxis (Tom Hooper hat bei einigen BBC-Kostümserien Regie geführt) erworben wird. Die Academy wird das nicht stören; sie zeichnet, neben den Blockbustern à la „Herr der Ringe“, von jeher lieber das szenisch Virtuose als das ästhetisch Gewagte aus. Und virtuos sind Firth und Rush allemal.

          Immerhin spart sich „The King's Speech“ den Sozialkitsch, von dem Filme wie „Miss Daisy“ und „L.A. Crash“ voll sind. Lionel und der König gehören verschiedenen Klassen an, da hilft kein Fluchen und Zungenrollen. Erst als der Patient seine große Kriegsrede gehalten hat, kommt er aus der Deckung und tut etwas für seine Umgebung Unfassbares: Er legt den Arm um seinen Therapeuten. „Mein Freund.“ Dazu ertönt schon wieder Beethoven, diesmal das Adagio aus dem 5. Klavierkonzert. Wir sollen gerührt sein. Und es klappt.

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