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Video-Filmkritik : „The King’s Speech“: Ihr sollt gerührt sein!

Das ist das erste der beiden Fegefeuer, durch die Albert hindurchmuss, bevor er zu King George VI. wird, dem Kriegshelden und Bewahrer der Monarchie. Das zweite liegt im schummrigen Souterrain eines Backsteinblocks in einer Londoner Arbeitergegend, in den Albert Frederick Arthur George, wie er mit vollständigem Namen heißt, von seiner fürsorglichen Gattin Elizabeth (Helena Bonham Carter) geschleppt wird, damit er endlich sein Stottern in den Griff bekommt. Es ist seine letzte Chance.

Freier Umgang mit der historischen Wahrheit

Der Mann, auf den er in dieser Höhle trifft, ist die Respektlosigkeit auf zwei Beinen. Er besteht darauf, den Duke of York als „Bertie“ anzureden, er fragt ihn über seine Eltern, Geschwister und Kindermädchen aus, schüttelt ihn, lässt ihn über den Boden rollen und obszöne Flüche ausstoßen. Dabei hat dieser Mann nicht einmal eine ärztliche Zulassung, er ist weder Doktor noch Engländer, sondern nur ein aus Australien zugewanderter verkrachter Schauspieler und Autodidakt. Und doch ist der Sprachtherapeut Lionel Logue (Geoffrey Rush) für Bertie alias Albert alias George VI. die Rettung. Und Bertie ist es, auf eine seltsame, verquere Weise, auch für Lionel Logue.

Der Film erlaubt sich einige Freiheiten mit der historischen Wahrheit. Die Harley Street, in der Logue praktizierte, war ein bekanntes Medizinerviertel und kein verräuchertes Loch. Und Albert, Herzog von York, der nach der Abdankung seines Bruders Edward wegen dessen Liaison mit der geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson im Jahr 1936 König von England und Herrscher über das Britische Empire wurde, überwand sein öffentliches Stottern nicht erst bei Kriegsausbruch, sondern bereits 1927 vor dem australischen Parlament in Canberra, nach nur zweijähriger Behandlung durch Logue. Zudem soll dieser, was wirklich schade ist, seinen berühmten Patienten auch nie „Bertie“ genannt haben.

Firth und Rush sind ebenbürtige Partner

Aber das alles ist unwichtig, wenn man Colin Firth und Geoffrey Rush vor der Kamera spielen sieht. Beide haben schon besser bezahlte Rollen gespielt - Firth in „Bridget Jones“, Rush in „Fluch der Karibik“ -, aber keine besseren. David Seidlers Buch zu „The King's Speech“ gibt ihnen, was ihnen bisher schmerzlich gefehlt hat: einen ebenbürtigen Partner.

Wenn Firth und Rush ihr unsterbliches Duell austragen, der eine verpanzert in seiner hochadligen Lebensscheu, der andere platzend vor Bonhomie, vergisst man, was dem Film an dramaturgischer Gelenkigkeit fehlt: „Inhalieren Sie keinen Rauch in die Lunge, das kann Sie töten.“ - „Meine Ärzte sagen, es entspannt die Rachenmuskeln.“ - „Sie sind Idioten.“ - „Sie wurden alle geadelt.“ - „Dann ist es ja amtlich.“ Am Ende, das ist eine historische Pointe, die der Film auslässt, erlag der kettenrauchende König seinem Laster. Und geadelt wurde natürlich auch Lionel Logue.

Die Schablonenhaftigkeit der britischen Monarchie

Die Geschichte gerät ins Stottern, sobald der Film Logues Behandlungszimmer verlässt. Helena Bonham Carter, Michael Gambon (Georg V.), Guy Pearce (Edward VIII.) und Timothy Spall (Churchill) sind großartige Schauspieler, doch auch sie können nicht verhindern, dass „The King's Speech“ in seinen Bildern aus dem Innenleben der britischen Monarchie jene gewisse Schablonenhaftigkeit ausstrahlt, die durch langjährige Fernsehpraxis (Tom Hooper hat bei einigen BBC-Kostümserien Regie geführt) erworben wird. Die Academy wird das nicht stören; sie zeichnet, neben den Blockbustern à la „Herr der Ringe“, von jeher lieber das szenisch Virtuose als das ästhetisch Gewagte aus. Und virtuos sind Firth und Rush allemal.

Immerhin spart sich „The King's Speech“ den Sozialkitsch, von dem Filme wie „Miss Daisy“ und „L.A. Crash“ voll sind. Lionel und der König gehören verschiedenen Klassen an, da hilft kein Fluchen und Zungenrollen. Erst als der Patient seine große Kriegsrede gehalten hat, kommt er aus der Deckung und tut etwas für seine Umgebung Unfassbares: Er legt den Arm um seinen Therapeuten. „Mein Freund.“ Dazu ertönt schon wieder Beethoven, diesmal das Adagio aus dem 5. Klavierkonzert. Wir sollen gerührt sein. Und es klappt.

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