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Video-Filmkritik zu „The King“ : Wessen König war Elvis Presley?

Bild: Arsenal Filmverleih

Der Dokumentarfilm „The King“ misst das moderne Amerika an Elvis Presleys tragischer Biographie. Eugene Jarecki zeigt eine Gesellschaft unter kollektivem Drogeneinfluss, kurz vor der Überdosis.

          4 Min.

          Es gibt diese Geschichte mit Elvis und der Decke: Als er jung war und nach seinen umjubelten Auftritten ins Auto stieg, habe ihm sein Manager, der berüchtigte Colonel Tom Parker, eine Decke über den Kopf geworfen, damit die kreischenden Mädchen am Bühneneingang ihn nicht zu Gesicht bekämen. Und später, als er älter geworden war und die Beatles gerade ihr erstes Amerika-Konzert gaben, habe Parker ihm wiederum den Kopf verhüllt, aber diesmal, damit Elvis nicht merkte, wie wenige Mädchen jetzt noch am Eingang auf ihn warteten.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Elvis – das ist mehr als ein Name. Die fünf Buchstaben stehen sinnbildlich für Aufstieg und Niedergang des amerikanischen Traums. Vom göttlich verehrten Hüftschwinger über den selbstironischen Beau im schwarzen Lederanzug bis zum jämmerlichen Fettsack über der Kloschüssel – Elvis verkörpert wie kein Zweiter die Verführungskraft und den Irrsinn des Glaubens daran, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied sein könne.

          Geboren in die weiße Unterschicht, aufgewachsen in einem Schwarzen-Viertel in Ost-Tuepolo, lernte der junge Elvis in der Kirche das Singen, fuhr Lastwagen, schlich sich heimlich in schwarze Musikclubs und nahm im Studio von Sam Phillips in Memphis eine erste Platte auf. Als sein Song „That’s All Right Mama“ dann im Radio lief und es hieß, da singe ein Weißer, riefen die Hörer entsetzt an, um sich zu versichern, dass die Hautfarbe verwechselt worden sei. So könne doch kein Weißer singen, mit dieser aufgekratzten Sexiness in der Stimme und diesem wütend-weinerlichen Ton. Aber Elvis war kein Schwarzer. Er hatte sich von ihnen nur abgeschaut, wie man so singt und sich bewegt, dass alle Welt den Kopf verdreht und nur noch ans Durchbrennen denkt.

          Elvis als Metapher für die Gegenwart

          Elvis hat sich später, als er zum gefeierten Weltstar geworden war, nie von seinen schwarzen Kulturwurzeln distanziert. Aber er hat sich eben – anders als etwa Marlon Brando – auch nie mit dem politischen Rassenkonflikt auseinandergesetzt oder gar mit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung solidarisiert. Er ist nicht mit Martin Luther King aufgetreten, hat seine reichgewordene Faust nicht geballt. „Meine politische Meinung behalte ich lieber für mich“, hat er in Interviews gesagt, „Ich bin doch nur ein Entertainer.“

          „Vielleicht“, hält der Rapper Chuck D dem heute entgegen, aber eben ein weißer Entertainer, der den Schwarzen ihre Musik gestohlen hat und damit berühmt wurde: „Elvis war ein Held für die meisten, aber mir war er immer schon scheißegal“, flucht er, ein Zitat aus dem Song „Fight the Power“ seiner Band Public Enemy aus dem Jahr 1989, in Eugene Jareckis neuem Dokumentarfilm „The King“, in dem der Regisseur sich 2016 auf die Spuren des amerikanischen Mythenträgers begeben hat. Dafür hat er sich stilgerecht Presleys alten Rolls-Royce ausgeliehen und ist mit wechselnden Beifahrern, mit Weggefährten, Nachfolgern und Verächtern des Kings quer durch Amerika gefahren – von New York über Las Vegas bis in den tiefen Süden.

          Auf den Tonspuren des gescheiterten amerikanischen Traums: Musiker Matt Ward (rechts) spielt mit Begleitung in Elvis Presleys Rolls-Royce.

          2016 war der Höhepunkt des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes. Und so wird auf der Fahrt nicht nur über Elvis gesprochen, sondern auch über Amerika und seine gegenwärtige mentale Lage. Elvis‘ Geschichte wird mit Hilfe gegengeschnittener Parallelaufnahmen von ikonischem Zeitgeschehen zur Metapher stilisiert, um der eigenen Gegenwart eine vernichtende Diagnose auszustellen: So wie Elvis sich vom Geld habe verführen und krank machen lassen, so wird auch dieses Land gerade von einem bösen Manager, der sein Geld mit Spielkasinos und Fernsehsendungen verdient hat, in den Abgrund geführt. Was man vorgeführt bekommt, ist eine Gesellschaft unter kollektivem Drogeneinfluss, kurz vor der Überdosis.

          Das Ende des Glamours

          Alec Baldwin, der im Film neben Ethan Hawke und Ashton Kutcher den prominentesten Gastauftritt hat, gibt sich hier noch ganz siegesgewiss. Natürlich würden die Demokraten die Wahl gewinnen, sagt er strahlend und ruft den New Yorker Passanten aus dem Fenster seine Wahlempfehlung zu. Heute tritt er samstagabends in einer Comedy-Show als Trump-Double auf. Geplatzte Hoffnungen, nicht nur hier.

          Das Amerika, das Jarecki durch die Brille der Elvis-Biographie zeigt, das er mit der pannengefährdeten alten Limousine durchquert und psychologisch ausmisst, ist heruntergekommen, sinnverloren und paranoid. Im Haus, in dem der „King“ als Jugendlicher gewohnt hat, lebt heute eine Sozialhilfeempfängerin mit schlechtem Gebiss. Sie muss man nicht nach dem amerikanischen Traum fragen – „Wir fahren alle zur Hölle“, brüllt sie in die Kamera und vertreibt damit den letzten Rest Glamour, den die historischen Filmaufnahmen von Elvis’ Konzertgarderoben und Einrichtungsgegenständen verbreiten. Dekonstruiert und entillusioniert wird hier sowieso eine Menge: Man bekommt schmerzhaft vor Augen geführt, wie Elvis’ Gesangskarriere schon früh von einer Vermarktungsstrategie überschattet wurde, die ihn zur globalen Werbemarke stilisierte, und erfährt, dass die Tablettensucht schon während seines Militärdienstes in Deutschland begann und schon bald zu allerlei Aussetzern führte.

          So erfolgreich die Karriere von Elvis Presley war, seine persönliche Geschichte ist eine sehr traurige.

          Ein ehemaliger Fahrer berichtet, wie er einmal auf freier Strecke anhalten musste, Elvis in die Prärie hinausgelaufen sei und später im Brustton der Überzeugung behauptet habe, Stalin sei ihm in einer Wüstenwolke erschienen. Von dort bis zu dem berühmten Anruf bei Präsident Nixon, dem er seine Dienste als Hilfssheriff anbot, und seinem letzten Konzert in der Market Square Arena, bei dem ihm die Worte entgleiten, er orientierungslos über die Bühne wankte und statt vom „Jailhouse Rock“ zu singen auf einmal von seiner Steuererklärung faselte, war es nur ein kurzer, gnadenloser Dienstweg. Zum Schluss ist Elvis nur noch ein gedemütigter Angestellter in seiner eigenen Fabrik. Zehn Jahre lang hat er Filme gedreht, über die er sich bei jeder Gelegenheit selbst lustig macht, in Las Vegas muss er zwei Shows pro Tag geben, sein Frau Priscilla trennt sich von ihm.

          Lass es vorübergehen

          1968 kehrt er noch einmal zurück, zeigt sich einen Abend lang auf der Höhe seines Könnens und Aussehens, aber dann stürzt er ab. Für immer und ewig. Das Tragische an Elvis sei gewesen – sagt Ethan Hawke, der den Film koproduziert hat –, dass er sich immer fürs Geld entschieden habe: „Bei jeder Gelegenheit hat er seine Priorität auf das Finanzielle gesetzt, und wohin hat ihn das gebracht? Mit zweiundvierzig fett und tot auf die Toilette.“ Aber auch nach dem Tod ging die gnadenlose Elvis-Vermarktung weiter. Bis heute läuft die Maschine und druckt Geld. Die Imitatoren-Wettbewerbe boomen, und eben erst meldete Christie’s, dass das Andy-Warhol-Bild vom „Flaming Star“ für 73 Millionen Dollar versteigert wurde.

          In Jareckis Film wird auf brutale Weise offenbar gemacht, welche Bedrohung der blinde Glaube ans selig machende Geld bedeutet – für den Lebensweg eines herausragenden Einzelnen, aber auch für das kollektive Bewusstsein eines ganzen Landes. „The King“ ist ein durch die vielen wechselnden Gesprächspartner sehr unruhiger, mitunter fahriger Film. Der einen doch tieftraurig macht.

          Dieser schamvolle Blick ins verzweifelte Gesicht eines Gejagten – Elvis kurz vor seinem berühmten, weltweit übertragenen Hawaii-Konzert, schon völlig verquollen und verschwitzt, richtet er noch einmal panisch die Augen nach oben, holt tief Luft, scheint flehend zu beten: „Lass es vorübergehen.“ Man wird sich an ihn noch erinnern, wenn der Name seines aktuellen Imitators im Weißen Haus längst vergessen ist.

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