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Video-Filmkritik : Wie tröstet man ein Genie?

Bild: Squareone

Acht Nominierungen für Oscars - und alle im Fach Mathematik: „The Imitation Game“ von Morten Tyldum erzählt Alan Turings Leben als Passionsspiel.

          Man stelle sich ein Arbeitsessen vor, bei dem ein Filmemacher einem Produzenten eine Idee fürs Kino verkaufen will. Der Künstler strahlt: „Hammerstory, pass auf: Vor etwa achtzig Jahren wurde in der Fachwelt heftig diskutiert, wie man herausfindet, was sich überhaupt berechnen lässt und was nicht. Ein Österreicher namens Kurt Gödel hat 1931 ein System der formalen Logik mit ein paar Grundsätzen der Zahlentheorie verbunden, dann seine logischen Sätze durchnummeriert und schließlich den Begriff der rekursiven Funktion definiert - eine Rechenanweisung, die am Ende einer Reihe anderer Rechenanweisungen steht, bei der jede durch die ihr vorangehenden definiert ist, via Einsetzen und dergleichen.“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          „Österreicher?“, fragt der Geldmensch, „Wer soll das spielen, Christoph Waltz?“ „Nein, warte mal. Gödel muss gar nicht sein, der hat damit nur gezeigt, dass alle formalen logischen Systeme entweder widersprüchlich oder unvollständig sind. Zwei Amerikaner namens Stephen Kleene und Alonzo Church haben da weitergemacht: Eine Funktion ist nur effektiv berechenbar, wenn man eine Rechenanweisung mit endlich vielen Einzelschritten für sie formulieren kann, die...“

          „Ah, Amerikaner! Johnny Depp? James Franco?“ freut sich der Produzent. „Nein, nein. Das ist alles Vorgeschichte. Aber jetzt kommt’s: Ein Engländer namens Alan Turing hat 1936 für dieses ganze Rechnen ein anschauliches Bild gefunden, die Idee einer Maschine, die Informationen verarbeitet: Auf einem Band stehen Eingaben, die Maschine hat einen Lese- und Schreibkopf und eine Zentralrecheneinheit, die je nach Eingabe ihren Zustand ändert, das Band danach markiert und weiterzieht. Damit war exakt beschrieben, was Rechnen nach Programm eigentlich ist - so hat der Mann nebenbei den Computer erfunden. Ach so, und dann hat er auch noch den Code der Verschlüsselungsmaschine ,Enigma’ geknackt, mit der die Wehrmacht ihre Befehle abhörsicher an die Fronten des Zweiten Weltkriegs gefunkt hat. Und schwul war er auch, was seinerzeit in England schwer verboten war.“

          „Schwul? Ich weiß nicht“, zweifelt der Produzent. Und der Regisseur antwortet: „Benedict Cumberbatch! Und Keira Knightley an seiner Seite, stell dir vor, die reden dann über rekursive Funktionen und Arithmetik, dass die Fetzen fliegen und ...“ Spätestens an dieser Stelle muss der Finanzier dem Träumer erklären, wie der Hase läuft: „Das braucht kein Mensch! Hast du nichts Rührendes?“

          Solidaritätsbotschaft mit Keira Knightley

          „The Imitation Game“ ist das Beste, was bei so einem Gespräch hat herauskommen können. Dieser Spielfilm über Alan Turing versucht gar nicht erst, die tatsächliche Geschichte seiner Leistungen, die oben in stark vergröberter Form referiert ist, zu erzählen. Er unternimmt lieber gleich etwas viel Schwierigeres: „The Imitation Game“ will einen sehr großen Toten trösten, der dafür verantwortlich ist, dass es Geräte gibt wie das, auf dem dieser Text geschrieben wird.

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