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Video-Filmkritik : Zu schön für Sterbliche

Bild: Meteor Film GmbH

Labyrinth des unwirklich Schlimmen und Schönen: Zehn Jahre nach ihrer Flucht kehren zwei Brüder in eine Landkommune zurück. „The Endless“ ist der dritte und beste Film des Regieduos Justin Benson und Aaron Moorhead.

          Es gibt zwei Grundsorten Kinoschrecken: Körperhorror und Kosmohorror. Körperhorror will, dass dem Publikum das Massenherz rast; Kosmohorror will, dass das Massenhirn mitrast, weil sein ganzes Welt- und Wertgefüge überspannt wird, bis es auseinanderbricht. Damit das klappt, muss Körperhorror uns bloß erschrecken, Kosmohorror aber in Bild und Ton etwas vorführen, das weder mit noch über sich reden lässt. In „Resolution“ (2012), dem Spielfilmdebüt des Regieduos Justin Benson und Aaron Moorhead, ist dieses Unsagbare der Kosmohorrorfilm selbst, der sich hier um die zwei armen Kerle, die ausweglos in seinem Erzählgang zappeln, zuzieht wie eine Schlinge, während sie sich die bösesten Szenen und Standbilder ebendieses Films (und ein paar entfallene...) auf dem Computerschirm oder der Leinwand ansehen müssen, während sie wieder und wieder daran scheitern, herauszufinden, „was es will“, das namenlos Schlimme, das sie in ihrer Gewalt hat, bis einer schließlich begreift, was verlangt ist: „Eine Geschichte mit einem Ende.“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Das mitten im tobenden Feuer gefriergeschockte Ende von „Resolution“ hat Menschen, die Kinoschrecken schätzen, als Verheißung beeindruckt: Die für dieses Schattenfest verantwortlichen jungen Filmemacher, ahnte man, würden eines Tages Kunst auf dem Niveau der Körper- wie Kosmohorrorklassik zustandebringen, Schätze wie James Whales „The Old Dark House“ (1932), Jacques Tourneurs „Night of the Demon“ (1975), Dario Argentos „Suspiria“(1977) oder Clive Barkers „Hellraiser“ (1987).

          Der nächste Film von Benson und Moorhead, „Spring“ (2014), gestattete sich einen Schritt zurück aus der diese Erwartung nährenden schauerästhetischen Souveränität von „Resolution“. Den beiden aufstrebenden Horrortalenten muss bewusst gewesen sein, dass ihre frappierende Begabung, ihr Stammkapital einer allseitigen, in jeder Einstellung stupendes theoretisches wie praktisches Genrewissen mobilisierenden Materialdurchdringung dann, wenn sie einfach nur tun kann, was immer sie will, schnell in sterilen Akademismus und selbstgenügsames Schnittmetzelgepuzzle führen könnte.

          Zehn Jahre nach der Flucht

          Deshalb wohl setzten sie „Spring“ mitten im Vorkünstlerischen, scheinbar Naiven aus wie ein Waisenkind im Wald, umringt von neuen und zugleich uralten Bildern und Lauten des Unheimlichen: Spinnen beim Fliegenmord, Würmer, die Bäume zernagen, eine geliebte Frau, die ein Tier reißt und als zuckende Bacchantin dessen Blut säuft, Klaue, Stachel, Tentakelwirren, und hinter, über, unter allem das ewige Meer – Wellen als Gänsehaut der Zeit. Die finale Metamorphose, die etwas wie ein schaurig-glückliches Ende bringt, sehen wir in „Spring“ nicht, aber wir hören sie knirschend am Leiblichen ziehen, um es dem Tod zu rauben. Dann brechen der Vernunft die Knochen und die Seele seufzt auf, entsetzt wie gerettet.

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          „The Endless“ ist der dritte Film von Benson und Moorhead. Er löst ein, was die ersten beiden versprochen haben. Die Regisseure persönlich spielen hier zwei Brüder ohne Nachnamen, die mit Vornamen heißen wie sie selbst, Justin und Aaron. Der ältere Bruder ist mit dem Jüngeren vor fast zehn Jahren aus einer Landkommune in der nordamerikanischen Einöde geflohen, wohl einer Sektensiedlung.

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