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Video-Filmkritik: „The Amazing Spider-Man“ : Das Innen der Spinnen oder Ein Gregor Samsa der Popkultur

Bild: Sony Pictures

Der Spinnenmann ist wieder da: Marc Webb erzählt in „The Amazing Spider-Man“ die Coming-of-Age-Geschichte des Studenten Peter Parker, der zum Superhelden wird.

          3 Min.

          Von allen Superhelden sei ihm Superman der liebste, sagt, in Quentin Tarantinos irrem Film „Kill Bill“, der Schauspieler David Carradine: nicht etwa, weil Superman so stark und perfekt und unbesiegbar sei. Sondern, weil Supermans Stärke die schärfste denkbare Kritik an der Menschheit sei.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          Man muss Tarantino in solchen Dingen sehr ernst nehmen, kaum einer kennt sich besser aus in der populären Kultur - und doch möchte man an dieser Stelle hineinrufen in den Film, dass Spider-Man als Superheld noch besser sei, weil er nicht nur extrem stark ist, sondern auch extrem schwach. Was seine Kritik an der Menschheit noch plastischer und plausibler macht. Von der Kritik der Spinnen wird noch zu sprechen sein.

          Spider-Man hat die bessere Geschichte

          Vor allem aber hat Spider-Man die bessere Geschichte - auch wenn sie, nüchtern nacherzählt, erst mal seltsam, wenn nicht blödsinnig klingt. Es ist die Geschichte des Jungen, der von einer (in frühen Fassungen radioaktiven, heute genmanipulierten) Spinne gebissen wird, worauf er zur Schimäre wird. Er bleibt Mensch und wird Spinne zugleich, unfassbar stark im Verhältnis zu seiner Größe, seinem Gewicht. Und an gigantischen Spinnenfäden hangelt er sich durch die Schluchten der amerikanischen Stadt.

          Der Regisseur Sam Raimi hat vor zehn Jahren aus dieser Geschichte einen schönen und wundersamen Film gemacht, mit Tobey Maguire in der Titelrolle; zwei Fortsetzungen folgten - und dass „The Amazing Spider-Man“ jetzt diese Geschichte, wie der Schüler Peter Parker zum Spinnenmann wird, noch einmal von vorne erzählt: Das zeugt nicht etwa davon, dass Hollywoods Drehbuchautoren nichts Neues mehr einfiele. Es hat schon eher mit dieser Figur zu tun, mit dieser Geschichte, die anscheinend eine mythische Kraft und eine fast schon universale Gültigkeit hat.

          Der Gregor Samsa der Popkultur

          Dass Spider-Man der Gregor Samsa der Popkultur ist, das Monster, das sein Schicksal annimmt und versucht, das Beste daraus zu machen, das ist ja bekannt und offensichtlich - aber hier, im neuesten „Spider-Man“, ist es fast schon der Höhepunkt der Erzählung, wie Peter Parker seine Verwandlung erst einmal als Verletzung und Behinderung erlebt, als Angriff auf das, was er für sein Ich hält - er erkennt sich selbst nicht mehr in jener Szene, da ein paar Schläger ihn in der U-Bahn verprügeln wollen, und Parker wehrt sich, weiß selbst nicht, woher ihm diese Kräfte zuwachsen. Und am Schluss hängt er von der Decke herab, stottert Entschuldigungen und sieht, dass seine Welt auf dem Kopf steht.

          Das ist fast klassisches coming of age - ein Junge wird zum Mann, und dass es in diesem Fall der Spinnenmann ist, das verstärkt und verschärft die Konflikte ins Ungeheure und Unermessliche. Spider-Man ist zu bunt, zu präsent, zu lebendig, als dass er zur Metapher taugte - die Figur wendet, im Gegenteil, all das nach außen, macht all das sichtbar, was Jungs, die Männer werden, sonst lieber in sich verschlossen halten.

          Das Innenleben wird zum Spinnenleben

          So wird das Innenleben zum Spinnenleben - man muss sich nur einmal vor Augen führen, was man wirklich sieht, wenn Spider-Man seine klebrigen Fäden hinausschießt in die Welt, und dass er an diesen Fäden schweben, fliegen, sich erheben kann: Das ist seine ganze Macht und Größe. Wenn Spider-Man, was zu seiner Berufung wird, durch die Nächte geistert und Verbrecher jagt, dann bekommen seine Gegner gern mal diese Fäden auf die Augen, den Mund, werden geknebelt und gefesselt damit und verzweifeln an ihrer Impotenz.

          Der Regisseur Marc Webb hat den Film inszeniert, am Drehbuch hat Steve Kloves, der Autor und Regisseur der „Fabulous Baker Boys“, mitgeschrieben - und dass „The Amazing Spider-Man“ so ein erstaunlicher und unwiderstehlicher Film geworden ist, liegt auch an der Sensibilität, mit der er die Geschichte von dem Jungen und dem Mädchen, die naturgemäß dazugehört, inszeniert.

          Vom Polizeichef verfolgt

          Gwen Stacy heißt hier die junge Frau, und Emma Stone (das Mädchen aus den Harry-Potter-Filmen) spielt sie mit großer jugendlicher Entschlossenheit zum Erwachsensein. Andrew Garfield (der nette side-kick von Jesse Eisenberg in „The Social Network“) spielt den Superhelden als Nerd und Stubenhocker, der zur Geliebten über den Balkon kommt - und es ist nicht nur der Umstand, dass der Balkon im 22. Stock hängt, was den Spinnenmann von einem Romeo unterscheidet. Gwens Vater ist der Polizeichef, der Spider-Man als Vigilanten und Ruhestörer jagt.

          Sie treffen sich heimlich, einmal will er ihr gestehen, wer er ist, und stottert dabei ganz heftig. Sie denkt, er ringe um Worte für seine Liebe, was sehr zärtlich und sehr lustig ist. Dann küssen sie sich doch. Und dann heulen die Polizeisirenen, und Spider-Man ist froh, dass er sich vom Balkon stürzen und seine klebrigen Fäden herausschießen kann.

          Der Spinner überzeugt

          Worum es, neben der Liebe, letztlich geht in dem Film, das ist Darwin, von den Füßen auf den Kopf gestellt. Es ist die Kritik der Menschheit aus dem Geist der Evolution, die hier als Verlustgeschichte erzählt wird: Wir sind Menschen geworden, indem wir die Stärke der Spinnen, die Wendigkeit der Echsen, überhaupt die Körperlichkeit der Tiere verloren haben. Und ob das, was wir dafür gewonnen haben, ob das Bewusstsein, die Fähigkeit zu Liebe und Empathie, diesen Verlust wirklich aufwiegen: Das ist die Frage, um die Spider-Man buchstäblich ringt, mit seinen Gegnern und mit sich selbst.

          Es ist aber der Spinner, nicht die Spinne in ihm, was diesen Helden so groß und sympathisch macht.

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