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Video-Filmkritik : Suggestiv: Die Andreotti-Satire „Il Divo“

Bild: Delphi

Der Vampir hat immer recht: „Il Divo, der Göttliche“ heißt Paolo Sorrentinos Filmsatire über Giulio Andreotti, den siebenmaligen Ministerpräsidenten, der mit der Mafia im Bunde gewesen und in diverse Mordfälle verwickelt sein soll.

          Auf seinem Weg zur Macht wird der kleine steife Mann mit den hängenden Schultern und den Fledermausohren von einer Perserkatze aufgehalten. Es ist der 17. April 1991, und Giulio Andreotti tritt das Amt des italienischen Ministerpräsidenten an, zum siebten Mal. Die große Treppe im Palazzo Chigi hat er schon erklommen, nun muss er durch die Vorhalle in den Audienzsaal schreiten. Aber da ist dieses weiße Fellknäuel, das ihm mit aufgerissenen Augen den Zutritt verwehrt. Der kleine Mann könnte um die Katze herumlaufen. Statt dessen fixiert er sie. Drei, vier Sekunden dauert dieses Blickduell, dann klatscht der künftige Ministerpräsident in die Hände - und nichts geschieht. Noch einmal klatscht das Männlein, und da endlich trollt sich das Tier. Es miaut dabei leise, so wie Italien zwanzig Jahre lang miaut hat, wenn Giulio Andreotti an die Regierung kam. Aber dann hat es ihm doch immer wieder den Weg frei gemacht, wie ein folgsames Haustier seinem Herrn.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Inzwischen ist der Name Andreotti in Deutschland nur noch der älteren Generation geläufig, ebenso wie die meisten führenden Mitglieder der „Democrazia Cristiana“, jener Partei, die in der Ära vor Berlusconi die Interessen des konservativen Italien vertrat. Und doch hat Andreotti zwischen 1972 und 1992 sieben Jahre lang die italienische Regierung und weitere sechs Jahre das Außenministerium geleitet und so die Politik seines Landes in der Endphase des Kalten Krieges entscheidend geprägt. Es war Andreotti, der den historischen Kompromiss zwischen Kommunisten und Christdemokraten aushandelte und damit eine Epoche ideologischer Kämpfe beendete, und es war derselbe Mann, der sich neben Margaret Thatcher am lautesten gegen die deutsche Wiedervereinigung aussprach.

          Der Dunkelmann mit der Dornenkrone

          Aber nicht um diesen Andreotti geht es in Paolo Sorrentinos Film „Il Divo“. Sondern um den anderen, den Dunkelmann Andreotti, der mit der Mafia im Bunde gewesen und in diverse Mordfälle verwickelt sein soll. Der visuelle Steckbrief seiner Untaten wird schon in den ersten Bildern des Films geschrieben: eine Kette von Auto- und Giftmorden an Politikern, Richtern, Bankern und Journalisten, darunter der gewaltsame Tod des christdemokratischen Parteichefs Aldo Moro und das Sprengstoffattentat auf den Mafia-Ermittler Giovanni Falcone. Dann, nach all den blutüberströmten Leichen und zerfetzten Autos, sieht man den siebzigjährigen Andreotti (Toni Servillo) mit einer Dornenkrone aus Akupunkturnadeln an seinem Schreibtisch sitzen. Er spricht über die nagenden Kopfschmerzen, an denen er seit frühester Jugend leidet. Und er erzählt von einem Musterungsarzt, der ihn für moribund erklärt und ihm keine drei Monate mehr gegeben habe. „Jahre später wollte ich ihn besuchen, um ihm zu sagen, dass er sich geirrt hatte. Aber er war tot.“

          Sorrentinos Andreotti ist dagegen ein Untoter, eine leere Hülle, hinter der die Ängste und Sehnsüchte des Menschen, der sie einst bewohnt hat, längst abgestorben sind. Toni Servillo, der sich für seinen Auftritt eine Ohrenprothese anfertigen ließ, stattet seine Figur mit den klassischen Attributen der Kino-Vampire aus, dem starren Fledermausgesicht, der leisen, tonlosen Stimme, dem steifen, uhrwerkhaften Gang. Die Gespräche werden leiser, die Gesichter wachsamer, selbst das Tageslicht verschattet sich, wenn das bucklige Männlein mit den eingezogenen Schultern vorbeistolziert.

          Raunen und Rauschen auf höchstem Suggestionsniveau

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