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Video-Filmkritik : Der Schmetterling sagt dir, wenn es Zeit ist zu gehen

Bild: polyband

Sie hat diese Kraft, die uns hinreißt und tröstet, und wurde für diese Rolle mit dem Oscar ausgezeichnet: Julianne Moore als Alzheimer-Patientin in „Still Alice“.

          3 Min.

          Heißt der Mann Smith? Oder White? Und wohnt er in der Washington oder der Baltimore Street? Alice Howland weiß es nicht mehr, dabei hat sie es erst vor zwei Minuten erfahren. Aber die Adresse von Mr. White oder Mr. Black oder Smith hat sich in ihr in Luft aufgelöst, in einen dunklen Fleck, der sich dort ausbreitet, wo früher einmal ihr Gedächtnis war. Und wie hieß noch mal die neue Freundin ihres Sohnes?

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ein Arzt sitzt Alice gegenüber, er sagt: „Wir machen jetzt einen Test“ - und vielleicht wäre alles leichter, wenn dies tatsächlich nur eine Probe wäre, ein Spiel mit den Möglichkeiten des Lebens. Doch es ist der Ernstfall. Ein Verdacht steht im Raum, und der Test wird ihn bestätigen. So bekommt der dunkle Fleck in Alice’ Kopf einen Namen: Alzheimer.

          Für den Oscar geschaffene Rolle

          Es gibt ein Genre im Kino, das die großen Schauspieler und die großen Preise anzieht wie das Licht die Falter. Man möchte es nicht den Leidensfilm nennen. Aber genau davon handelt es: Krankheiten, Süchte, Gebrechen, meist unheilbare. Liz Taylor hat eine Alkoholikerin gespielt (nach eigenem Vorbild) und dafür einen Oscar bekommen. Dustin Hoffman hat einen Autisten gespielt, Nicole Kidman die depressive Selbstmörderin Virginia Woolf, und beide bekamen dafür einen Oscar. Es war also zu erwarten, dass auch Julianne Moore für ihre Rolle der Alice Howland in „Still Alice“ einen Oscar gewinnen würde. Der Film lädt dazu ein, virtuos zu sein, erschütternd. Und dennoch staunt man als Zuschauer darüber, was Julianne Moore aus dieser Einladung gemacht hat. Wie sie sie angenommen hat. Und, noch wichtiger, wie sie sie ausgeschlagen hat.

          Zum Beispiel die Szene, noch im ersten Drittel des Films, in der Alice beim Joggen auf dem Campus der Columbia University, wo sie Linguistik lehrt, die Orientierung verliert. Eine Schauspielerin, die es auf theatralische Wirkung anlegte, würde jetzt die Augen aufreißen, ihren Atem beschleunigen und ihren Kopf in alle Richtungen drehen, um den Eindruck tiefer Hilflosigkeit zu verstärken. Julianne Moore tut erst einmal nichts. Sie schaut noch nicht einmal um sich. Sie starrt vor sich hin. Sie gefriert. Und in diesem vereisten Zustand entfernt sich die Welt von ihr. Die Dinge werden unscharf, die Perspektiven beginnen zu bröckeln. Es dauert nur ein paar Sekunden, bis Alice wieder weiß, wo sie ist, aber Julianne Moore dehnt diese Augenblicke zu einer Ewigkeit.

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          Oscar-Preisträger 2015 : Die ausgezeichneten Filme in der Übersicht Bild: AFP

          Der Film macht die Situation begreiflich

          Oder der Moment, schon viel näher am Ende der Geschichte, in dem Alice in ihrem Ferienhaus am Atlantik die Toilette nicht mehr findet. Sie öffnet alle Türen im Erdgeschoss, eine nach der anderen, aber sie reißt sie nicht auf, sondern greift nach den Klinken wie eine Fremde, tastend, fragend, ungewiss. Und dann passiert, was passieren muss, doch der Film zeigt es nicht, er betrachtet nur die Miene ihres Ehemanns (Alec Baldwin), als er die Situation begreift, und dann das Gesicht von Alice, die sich von ihm mit nasser Hose in ihr Schlafzimmer bringen lässt, fassungslos und fügsam wie ein Kind.

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