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Video-Filmkritik : „Slumdog Millionär“: Die Welt als Multiple Choice

Bild: Prokino

Inzwischen hat sich fast alle Welt darauf geeinigt, Danny Boyles mit acht Oscars ausgezeichnetes Filmmärchen„Slumdog Millionär“ toll zu finden, menschlich, bewegend, ergreifend und humorvoll. Aber am Ende dieses betont unschuldig erzählten Films spürt man doch einen Nachgeschmack.

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          Normalerweise locken Filme ihr Publikum auf die Straße, weil es Schlange an der Kasse stehen muss. Manchmal trauen sich auch einige Verbiesterte, Transparente zu entrollen und in Mahnwachen gottlose Regisseure wie Martin Scorsese zu verdammen, die es wagen, die Passion Christi zu verfilmen. Ansonsten lebt ein Film auf der Leinwand und in den Köpfen, er zirkuliert durch Zeitungen, Talkshows und Gesprächsrunden, er mag zum gesellschaftlichen Phänomen werden und Modetrends auslösen. Doch nur in ganz seltenen Fällen gehen jene, von denen ein Film erzählt, selber auf die Straße. Als „Slumdog Millionär“, der vor drei Wochen acht Oscars gewann, in den indischen Kinos anlief, kamen die Kinder aus den Slums von Bombay und hielten Schilder hoch, auf denen stand: „Wir sind keine Hunde“, weil sie sich durch den Filmtitel in ihrer Würde gekränkt sahen.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und obwohl der Film in Indien für ziemlich diskursive Erregung sorgte, obwohl die einen ihn einen „Armuts-Porno“ nannten und andere ihn verteidigten, obwohl die beiden großen Parteien im Wahlkampf nun um die Nutzung des Hits „Jai Ho“ („Sei siegreich“) aus dem Film erbittert streiten, trotz oder gerade wegen dieser kleineren und größeren Friktionen, hat sich inzwischen fast alle Welt darauf geeinigt, den Film des Briten Danny Boyle toll zu finden, menschlich, bewegend, ergreifend, humorvoll und wie all die schönen Adjektive heißen, mit denen man sich weitere Überlegungen erspart.

          Traumwandlerische Sicherheit

          Es ist ja auch ein Kinostoff, wie man ihn kaum besser finden, dessen Sogwirkung man schwer widerstehen kann: ein Märchen von Elend und Leid, von Glück und Liebe, das den Weg aus einer harten Kindheit zum Happy End in den schillerndsten Farben malt, eine flüchtige Liaison von Bollywood und Hollywood, die Boyle, der Angehörige der ehemaligen Kolonialmacht, und ein Inder gestiftet haben, der Diplomat Vikas Swarup, der die Romanvorlage „Rupien, Rupien!“ schrieb.

          Es ist die Geschichte des 18-jährigen Jamal (gespielt von dem Briten Dev Patel), eines Tea-Boys, der im Alter von sieben Jahren bis auf seinen Bruder seine gesamte Familie verliert, die von antiislamischen Fanatikern ermordet wird. Jamal kämpft sich durch, er entgeht Heimen und der Rekrutierung durch organisierte Diebesbanden, er lebt auf der Straße und trägt Tee in Büros, bis er es schafft, Kandidat bei der indischen Ausgabe von „Wer wird Millionär?“ zu werden und sich mit so traumwandlerischer wie rätselhafter Sicherheit bis zur letzten Frage vorzuarbeiten, bei der es um zwanzig Millionen Rupien geht.

          Ein Globalisierungsmodell

          Es passiert in diesen zwei Stunden nichts, was nicht absehbar wäre. Wenn der Film einsetzt, sitzt Jamal auf einer Polizeiwache, er wird gefoltert und verhört, weil man glaubt, er habe bei der Show betrogen, und in dem Moment, in dem er auszusagen beginnt, verwandelt sich der Film in einen schnellen Wirbel durch Vergangenheit und Gegenwart. Was diesen Wirbel in kontinuierlicher Bewegung hält, das ist natürlich nicht das Geld, sondern die Liebe, die Liebe zu dem Waisenmädchen Latika (Freida Pinto), aus dem eine schöne Frau geworden ist, die sich zur Zeit von Jamals wachsender Fernsehprominenz noch in den Klauen eines widerlichen Zuhälters befindet.

          Zu jeder richtigen Antwort Jamals gibt es eine Rückblende, die erklärt, wie er wissen konnte, was ein Junge ohne Schulbildung eigentlich nicht wissen kann: Wie er von Samuel Colt erfuhr, der den Revolver erfand, oder von dem Bollywood-Star, dessen Autogramm Jamal bekam, nachdem er in eine öffentliche Latrine gefallen war. Man muss gar nicht verraten, wie der Film ausgeht, weil es längst jeder weiß und es sich nach zehn Kinominuten hat denken können, auch wenn natürlich niemand mit der finalen Tanzeinlage auf dem Bahnhof von Bombay gerechnet hat.

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