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Video-Filmkritik : Sing doch mit, George!

Bild: F.A.Z., Studiocanal

So war der Kalte Krieg: Der Film „Dame, König, As, Spion“ nach John Le Carrés Roman erzählt eine packende Verschwörungsgeschichte in kühlen Bildern. Gary Oldman brilliert als George Smiley.

          Wenn dann, nach mehr als zwei Stunden, der Maulwurf enttarnt ist, wenn die hermetische Welt des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 wieder im Gleichgewicht zu sein scheint, wenn das Puzzle, welches der Film ausgelegt hat, um das komplette Bild erst mit dem letzten Stein sichtbar werden zu lassen, vor einem liegt - wenn also der Kalte Krieg ganz einfach weitergeht, dann bleibt von dieser labyrinthischen Verschwörungsgeschichte vor allem ein kleiner Moment, der mehr über Agenten und Doppelagenten erzählt als alle aufgelösten Rätsel.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es ist nur eine Weihnachtsfeier im „Circus“, wie John Le Carré den MI6 genannt hat, die grün-roten Girlanden der Dekoration sorgen für die kräftigsten Farben während des ganzen Films, und auf einmal betritt der Weihnachtsmann die Bühne. Er trägt eine Lenin-Maske, und sobald er die sowjetische Nationalhymne anstimmt, fällt die ganze Auslandsabteilung mit einer Inbrunst ein, die nicht geheuchelt ist. Den Originaltext können sie alle mindestens so gut mitsingen wie die Zeilen von „God Save the Queen“, und das ist, ganz ohne Freud, keine Identifikation mit dem Aggressor, sondern die Bestätigung einer internationalen, um nicht zu sagen: internationalistischen Bruderschaft der Spione, die ihrem jeweiligen Feind so tief verbunden sind, weil er die Bedingungen ihrer Existenz garantiert.

          Der Mastermind als freudloser Angestellter

          Nur einer mag dabei nicht mitsingen, mag sich auch nicht über zu wenig Gin in der Bowle beschweren oder sich dem allgemeinen Schulterklopfen anschließen. Er wirkt wie der sauertöpfische Buchhalter, der nur dabei ist, weil es für solche Betriebsfeste eine unausgesprochene Teilnahmepflicht gibt. Und er muss auch, ohne eine Miene zu verziehen, mit ansehen, wie seine Frau ihn mit einem Kollegen betrügt. Dieser einsame Mann heißt George Smiley, und der Schriftsteller John Le Carré hat ihn durch seine Bücher zur wohl bekanntesten Agentenfigur neben Ian Flemings James Bond gemacht, von welchem ihn dann allerdings weit mehr trennt, als Ost und West im Kalten Krieg. Ein hyperkorrekt gekleideter Mann, der nie lächelt, dessen tiefe Falten im Gesicht Bitterkeit verraten; ein Mann, der eine viel zu große Brille trägt und auf den ersten Blick niemandem auffällt. Der Mastermind als freudloser Angestellter.

          Gary Oldman spielt ihn in Tomas Alfredsons Verfilmung von „Dame, König, As, Spion“, und das ist nicht nur eine überzeugende Besetzung, weil Oldman ein guter Schauspieler ist. Vor allem traut man Oldman die Gefährlichkeit, Unberechenbarkeit und Brutalität, die er in seinen Rollen in „True Romance“, „JFK“ oder „Dracula“ ausstrahlte, immer noch zu. Diese Eigenschaften wirken nach wie eine latente Drohung, auch wenn an Oldmans Smiley im Verlauf des Films nur eines gefährlich erscheint: sein Verstand, der so präzise und unbarmherzig arbeitet wie eine Skalpell. Dass Gary Oldman für seinen Smiley jetzt eine Oscar-Nominierung als bester Darsteller bekommen hat, ist da nur angemessen.

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