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Video-Filmkritik : Sind wir bereit für die Rückkehr der Affen?

  • -Aktualisiert am

Planet der Affen - Prevolution Bild: Twentieth Century Fox

Mehr als vierzig Jahre sind seit dem ersten „Planet der Affen“- Film vergangen, dem vier Fortsetzungen folgten. In „Prevolution“ erfahren wir endlich, was vorher geschah.

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          „Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham“ - dies sei, so schrieb Friedrich Nietzsche, der Affe für den Menschen. Der Philosoph formulierte das auf dem Höhepunkt des Booms von Darwins Theorie über die Evolution der Arten, um gegen die modische sozialbiologistische Zuspitzung des Darwinismus deutlich zu machen, dass der Mensch vielleicht doch noch etwas mehr und anderes sei als ein besserer Affe.

          Darüber sind wir knapp 130 Jahre später längst hinaus. Schon 1963 war „La Planète des Singes“, der Roman des Franzosen Pierre Boulle („Die Brücke am Kwai“), der den Ausgangspunkt für die bislang sechs „Planet der Affen“-Filme, eine Fernsehserie und zahlreiche Parodien bot, in erster Linie ein geistreiches Spiel mit diesem Urtopos des Darwinismus, das dessen zentrale Kränkung noch zuspitzte und zum Verdacht überbot, womöglich sei eher umgekehrt der Affe ein besserer Mensch.

          1968 kam Franklin J. Schaffners erster Film „Planet of the Apes“ heraus. Ökonomisch war das eine Verzweiflungstat: Auf dem Höhepunkt des Studiosterbens, als die meisten Jüngeren die Grundsteine fürs New-Hollywood-Autorenkino (und die baldige Renaissance der Konzerne) legten, setzte man Hollywoodstar Charlton Heston in ein gar nicht mal besonders billiges, aber erfolgreiches B-Movie. Die vier Fortsetzungen sorgten zwar zur Hochzeit des Autorenkinos für allerlei Naserümpfen, spielten aber ein Vielfaches ihrer Kosten ein und gelten längst als Kultserie.

          Inhaltlich war es der nachgerade geniale Clou von Schaffner und seinen Drehbuchautoren, Boulles Story, die tatsächlich auf einem fernen Planeten spielt, auf eine postapokalyptisch verheerte Erde zu versetzen - was der Zuschauer aber erst am Ende begreift, als Heston im Sandstrand plötzlich die Freiheitsstatue entdeckt. Diese Dystopie war in den diffus desillusionierten, nach innen gekehrten Siebzigern purer Zeitgeist, und die Vorstellung, die Erde sei der wahre Planet der Affen, ging sogar als neorousseausche Utopie durch. In den Sequels arbeitete man sich dann Stück für Stück über Atomkrieg, Vietnam und Klassenkampf bis hin zu Biologismus- und Medienkritik durch die Debatten der Dekade. Vor zehn Jahren versuchte dann Tim Burton ein erstes Revival. Da war er zu früh, wie sich herausstellte. Die Welt war noch nicht bereit für die Rückkehr der Affen. Das könnte jetzt anders sein.

          Zur Hochintelligenz gedopte Affenhirne

          Wieder ist es mit Rupert Wyatt ein britischer Regisseur, wenn auch ein weitgehend unbekannter. Und wie derzeit üblich, gibt es keine Weitererzählung der Geschichte, sondern das Prequel getaufte Zurück vor deren Beginn, Vor- und Frühgeschichte sozusagen. Darum setzt „Rise of the Planet of the Apes“ nicht im Jahr dreitausendirgendwas ein, sondern im Hier und Jetzt. Und wenn der Film, der im Deutschen auch noch „Prevolution“ heißt, unter etwas leidet, dann darunter, dass bei einem Prequel immer klar ist, wer am Ende gewinnt. Am Anfang steht eine der ursprünglichen Science-Fiction-Figuren, der Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht mehr loswerden kann. In unzähligen Varianten begegnete Kinogängern schon dieser Typus des „hochbegabten Wissenschaftlers“, der irgendwann der Hybris anheimfällt, sich versündigt und beim Versuch der Wiedergutmachung erst recht Unheil anrichtet. Hier heißt er Will Rodman, ist Pharma-Forscher in San Francisco und hat ein Wundermittel gegen Alzheimer erfunden.

          Das Hirn-Doping entfaltet leider die unangenehme Nebenwirkung, dass die als Versuchstiere verwendeten Affen plötzlich übermenschliche Intelligenz entwickeln. Rodmans eigentlicher Sündenfall ist nun aber nicht die Entwicklung dieses Mittels, weshalb „Rise ...“ auch nicht wirklich ein wissenschaftsskeptischer Film ist. Es sind vielmehr die fehlende Werturteilsfreiheit, die Abwesenheit von Kälte und ein Zuviel an Menschlichkeit und Empathie, die das Verhängnis auslösen. In den fulminanten Auftaktminuten wird ein schwangeres Affenweibchen bei einem Fluchtversuch aus dem Labor getötet. Rodman nun rettet heimlich ihr Baby, bei dem es sich ja auch um eine Chimäre handelt, ein Zwischenwesen zwischen Mensch und Affe, und zieht es zu Hause groß. Das kann nicht gutgehen, schon gar nicht, wenn das Geschöpf Caesar heißt. Bald entwickelt es erstaunliche Willensstärke, schlägt Rodmans Vater im Schach und wird auch sonst ein zunehmend anstrengender Mitbewohner. Irgendwann ist das nicht mehr auszuhalten und Caesar muss in eine geschlossene Anstalt.

          Trost im schönen Untergang

          Die Kapitulation vor der Aufgabe zur Erziehung ist der zweite Sündenfall Rodmans - durchaus eine gesellschaftskritische Metapher für das Versagen der westlichen Demokratien vor der Aufgabe der Erziehung ihrer Mitglieder und der Integration der Fremden. Stattdessen überlässt man alles dem Staat. Im Film entpuppt sich der Affenkäfig bald als brutal geleitetes Konzentrationslager für Tiere, und so wird der Film zum Knastdrama. Alphatierchen Caesar entwickelt dabei vorhersehbare Führerqualitäten, organisiert einen Ausbruch und die Affenhorde ist los.

          Gespielt wird Caesar in einem beeindruckenden, allerdings von viel digitaler Technik unterstützten Auftritt von Andrew Serkis, der sich nach Gollum (in „Herr der Ringe“) und King Kong endgültig zum Spezialisten für Digitalrollen und gewissermaßen zum ersten virtuellen Schauspieler entwickelt. Er ist trotz seines Schimpansen-Aufzugs der überzeugendste und facettenreichste Charakter des Films. James Franco und Freida Pinto wirken im Vergleich wie Nebendarsteller.

          Es wäre spannend zu wissen, wie ein Affe diesen Film ansieht. Wir menschlichen Zuschauer können uns nach diesem gradlinig erzählten, trotz vorhersehbarer Handlung spannend und beeindruckend inszenierten Film nur ein bisschen trösten: Der Untergang der Menschheit wird zumindest sanft sein, er wird poetisch sein und schön, wir werden Nietzsche lesen dürfen, lachen und uns ein wenig schämen.

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