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Video-Filmkritik : Siebzig, verschmäht: „Wolke neun“

Bild: Senator

Von einem Film, der „Wolke neun“ heißt, ist Heiterkeit nicht zu erwarten. Andreas Dresen erzählt in seinem in Cannes preisgekrönten Drama von Liebe, Sex und Ehebruch; seine Helden sind älter, als es die Kinonorm erlaubt.

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          Was kann ein Film dafür, wenn alle sofort raunen, er bräche mutig ein Tabu - als wäre nicht die Floskel vom Tabubruch längst ein sicheres Indiz für gähnende Langeweile? Der Regisseur kann auch nichts dafür, weil er nichts dergleichen behauptet hat. Andreas Dresen, 45, der seit einigen Jahren für die deutsche Variante des britischen Kitchen-Sink-Realismus zuständig ist, hat für „Wolke neun“ einen Preis in Cannes gewonnen, den „Coup de Coeur“, weil er zeigt, wie eine verheiratete Frau sich in einen Mann verliebt, wie sie miteinander schlafen, wie sie nicht voneinander lassen können und die Ehe der Frau dabei langsam zerfällt. Wobei man sofort ergänzen muss, dass Dresen den Preis vermutlich nicht bekommen hätte, wenn die Frau nicht Ende sechzig und die beiden Männer nicht jenseits der siebzig wären und wenn er nicht ihre sexuelle Leidenschaft so nüchtern zeigte wie ein Ethnologe, der seine Zuschauer damit verblüffen will, dass auch ein entlegener Volksstamm schon das Rad erfunden hat.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Aber statt vom Tabu zu reden, kann man sich ja auch einfach ansehen, wie Dresen diese Geschichte erzählt. Die Anstrengung, das Leben und nichts anderes auf der Leinwand zu zeigen, sich in Lebenswelten und an Orte zu begeben, auf die sonst keiner guckt, das Fernsehen nicht und nicht der Boulevard, weil sie wenig glamourös sind und eher deprimierend, etwas grau und eben sehr alltäglich - das ist zu Dresens Markenzeichen geworden. So hat er in „Halbe Treppe“ gearbeitet und in „Sommer vorm Balkon“, die sich beide mächtig mühten, in den Alltag in Frankfurt (Oder) oder in Prenzlauer Berg einzutauchen und dabei eine Lebensähnlichkeit zu simulieren, die bei genauerem Hinsehen doch ziemlich stark konstruiert war.

          Schwer symbolische Zutat

          Man sieht das an Kleinigkeiten. Wenn in „Wolke neun“ anfangs die Nähmaschine im Schlafzimmer rattert, wenn Inge (Ursula Werner) ihre Arbeit beendet, dann muss die Kamera unbedingt so nahe herangehen, dass man das Firmenschild auf der Maschine lesen kann: „Veritas“. Niemand zweifelt daran, dass es diese Typenbezeichnung gibt; aber es ist ein Detail, das man besser ausließe, als es ins Bild zu rücken, weil es eben so aussieht wie ein schlechter Regieeinfall, wie eine schwer symbolische Zutat.

          Was sich zwischen Inge, ihrem Mann Werner (Horst Rehberg) und Karl (Horst Westphal) abspielt, das ist nichts weiter als eine Boy-Meets-Girl-Geschichte unter Senioren. Inge geht mit einer geänderten Hose bei Karl vorbei, murmelt wenig überzeugend, sie sei gerade in der Gegend gewesen, und aus der Anprobe ergibt sich fast ansatzlos leidenschaftlicher Sex; der Bildhintergrund ist gleißend weiß, man sieht welkes Fleisch und Altersflecken, hängende Brüste und tiefe Falten statt jener turbogestylten Benutzeroberflächen, in welche das Mainstream-Kino wie die Pornoindustrie den menschlichen Körper verwandelt haben - mit dem Erfolg, dass Sex sich nach einem imaginären Hygienehandbuch vollzieht und weniger nach Sex aussieht als nach einem lange trockengelegten Feuchtgebiet.

          Alterslose Rituale

          Dass Dresen keine Weichzeichneroptik mit zerknüllten Laken und zuckenden Füßen will, ist ja nur verständlich, wenn es um eine Amour fou gehen soll, doch das Alter der Helden schiebt sich bald auf eine Weise in den Vordergrund, als sei es weit wichtiger als die alterslosen Rituale der Liebe. Und das ist dann doch etwas ganz anderes als, nur zum Beispiel, die ganz normalen, ungestylten Körper in Nicholas Roegs „Bad Timing“ (1980) oder in Patrice Chéreaus „Intimacy“.

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