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Video-Filmkritik : Sie baden gerade ihre Hände darin: „Irina Palm“

Bild: X-Verleih

Sie ist nicht mehr die Jüngste, und sie braucht das Geld: In „Irina Palm“ verdient Marianne Faithfull mit Sexdiensten Geld für ihren kranken Enkel. Und wird berühmt. Leider traut sich Sam Gabarskis Film nicht, diese Geschichte ernst zu nehmen.

          2 Min.

          Ein kleiner, wilder Film, der immer dann, wenn es drauf ankommt, zahm wie ein Lamm wird, das ist „Irina Palm“. Und genau diese Zahmheit hat ihn so beliebt gemacht auf der Berlinale, wo er Ovationen bekam und als Favorit für den Goldenen Bären gehandelt wurde, auch wenn er am Ende doch nichts gewann. Normalerweise ist das Feige und Zahme eine Krankheit von Produzentenfilmen, bei denen immer dann der Geldhahn zugeht, wenn es vor der Kamera interessant wird. Aber „Irina Palm“ ist ein Autorenprojekt, inszeniert und geschrieben von Sam Gabarski - also ein authentischer fauler Kompromiss.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ein Vorort von London. Maggie (Marianne Faithfull) braucht Geld für ihren Enkel, der sterben wird, wenn er nicht diese teure neue Behandlung in Australien bekommt. Also fährt sie in die Stadt, wird bei einer Bank abgewiesen, sieht ein Schild im Schaufenster einer Nachtbar, bewirbt sich, schrickt zurück, geht wieder hin und bekommt den Job. Sie muss Männer masturbieren, die ihren Penis durch ein Loch in der Wand in die Kabine stecken, zwanzig, dreißig am Tag, im Akkord.

          Ein echtes Opfer

          Zuerst starrt sie mit scheuem Ekel auf das, was aus dem Schlitz herauskommt (und was wir nicht zu sehen kriegen, versteht sich, denn der Film will nicht die Realität des Sexgeschäfts zeigen, sondern eine irreale Story plausibel machen). Aber dann packt sie zu. Und hat Erfolg. Die Leute stehen Schlange, um sich von Maggie bedienen zu lassen, also legt sie sich einen Künstlernamen zu: „Irina Palm“. Vor ihren Freundinnen, am Teetisch, als die Wahrheit über ihren Job herauskommt, prahlt sie: „Sie sagen, ich hätte die beste rechte Hand in London.“

          Spätestens an diesem Punkt muss man an Audrey Hepburn in „My Fair Lady“ denken, an die Stelle, wo sie sagt: „They bloddy done the old woman in.“ Und vielleicht hätte Lars von Trier tatsächlich etwas aus der Geschichte machen können, ein Musical in der Art von „Dancer in the Dark“ - über den Skandal, am Teetisch über Schwänze zu reden oder in der Masturbationszelle eine karierte Schürze zu tragen, über das Triebschicksal und die Identifikation einer Frau, über das, was Chantal Akerman mit „Jeanne Dielman“ und Lizzie Borden mit „Working Girls“ zeigen wollten und was Robert Altman in „Short Cuts“ mit der Figur von Jennifer Jason Leigh vielleicht am besten gelungen ist. Aber dies ist ein Film von Sam Gabarski, der über Maggies Arbeit sagt, sie sei „ein echtes Opfer von einer wunderbaren Frau“ - und so sieht „Irina Palm“ dann auch aus.

          Ein verlogenes Spiel

          Was aus der Geschichte hätte werden können, ahnt man in den Szenen, in denen Maggie mit ihrer Arbeitskollegin Luisa (Dorka Gryllus) zu sehen ist. Miki (Miki Manojlovic), der Manager des Clubs, spielt die beiden Frauen gegeneinander aus: Die jüngere muss die ältere anlernen, dann wird sie gefeuert. Sex ist kälter als der Tod, doch Gabarski will den Film auf Zimmertemperatur halten, deshalb dichtet er dem Manager eine Schwäche für Maggie an. Das Happy End, das die beiden vereint, ist die krönende Lüge in einem verlogenen Spiel.

          Es gebe keine einzige Minute in „Irina Palm“, in der sie Marianne Faithfull sei, hat Marianne Faithfull erklärt. Das ist schade, denn Faithfull hat, als sie vor der Kamera noch Faithfull sein durfte, Filme gedreht, die dem Großmütterkino von heute das Schmalz von der Linse blasen könnten, und sie hatte in Chéreaus „Intimacy“ einen Gastauftritt, der wie ein fernes Echo jener Zeit wirkte. In „Irina Palm“ ist sie vor allem lieb und brav. Einer solchen Frau würde man gern die Hand geben. Oder die Schürze abnehmen. Vergessen wir den Rest.

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