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Video-Filmkritik : Sean Penns stärkster Film: „In die Wildnis“

Bild: Tobis

„Ich hatte ein glückliches Leben“, sagt Christopher McCandless, vierundzwanzig Jahre alt, bevor er irgendwo in Alaska verhungert. Der Film „Into the Wild“ erzählt seine Geschichte.

          Ein Mann bricht auf. Wortlos. Hinter sich lässt er eine vielleicht strahlende Karriere, eine Schwester, die er liebt, Eltern, die nicht wissen, wer er ist, seine Ersparnisse, Freunde möglicherweise. Vor ihm liegen die Straße, ein paar Begegnungen, dann die Wildnis und schließlich der Tod.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es ist die Geschichte von Christopher McCandless. Jon Krakauer hat sie anhand der Aussagen und Erzählungen von Menschen, die Christopher McCandless auf seinem Weg getroffen, mit denen er gesprochen, vielleicht ein paar Tage oder Wochen verbracht hat, recherchiert. Daraus wurde Mitte der neunziger Jahre das Buch „Into the Wild“, Sean Penn hat es jetzt verfilmt.

          Verlierer als Helden

          Penn interessiert sich nicht für Psychologie. Er interessiert sich für Zustände, für Landschaften und für Bewegung, und die Dynamik, die ihn am meisten fasziniert, führt fort. Oder runter und raus, wenn man so will, denn Verlierer oder diejenigen, die von der Gesellschaft als solche angesehen werden, sind seine bevorzugten Helden. Als Schauspieler, aber auch als Regisseur. Und weil er, als Linker besonders in den vergangenen sieben Jahren, auch an seinem Land leidet, das er gleichzeitig so liebt, wie Fassbinder Deutschland geliebt hat, sind die Filme, die er als Regisseur dreht, immer von dieser Ambivalenz geprägt.

          Die Geschichte von Christopher McCandless, der sich, einmal unterwegs, Alexander Supertramp nannte und der von Atlanta nach Westen zog und, als es nicht mehr weiterging, nach Norden abbog, ist als Stoff gleichsam die natürliche Wahl für einen Mann wie Penn. Und das spürt man in jedem Augenblick in diesem Film. Er ist manchmal pathetisch, manchmal naiv, immer von überwältigender Schönheit und immer mal wieder auch von priesterlicher Penetranz, aber vor allem von so großer, mitreißender Ernsthaftigkeit, so tiefem Respekt und letztlich grenzenloser Trauer, dass man ihm alles verzeiht.

          Freiheit ist immer anders

          In Amerika führt der Weg in die Freiheit immer nach Westen. Allerdings bedeutet Freiheit nicht für jeden, der nach Westen aufbricht, dasselbe. Für den einen war es die Freiheit, im Schürfen von Gold, beim Bohren nach Öl sein Glück und dann Geschäfte zu machen, für den anderen die Hoffnung, seine Familie aus den städtischen Slums des Ostens in ein wohlsituiertes Farmerleben zu führen, für den Dritten die Chance, alle Gesetze, alle Zwänge hinter sich zu lassen und zu sehen, was dann geschieht. Meistens lief es auf Mord und Totschlag raus.

          Nur einige Romantiker, Verweigerer, Transzendentalisten sahen durch die Jahrhunderte in der Freiheit etwas anderes. Henry David Thoreau und Ralph Waldo Emerson etwa, die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts das einfache Leben predigten, und ihre Nachfolger in der Folkbewegung, die Hippies, die Aussteiger. Zu ihnen gehört dieser Christopher McCandless, der 1990 die Emory University mit Auszeichnung verlässt, sein Geld verschenkt und nach Westen aufbricht, mit Thoreaus Buch „Walden“ im Gepäck, Jack Londons „Ruf der Wildnis“ und einem Tolstoi-Band. Er träumt von einer Versöhnung mit der Natur, wenn er nur alles Gesellschaftliche hinter sich ließe, aber die Natur ist, wie sie ist, uninteressiert an seinem Schicksal, ausnahmslos den eigenen Regeln folgend.

          Ganz bei sich selbst

          Zwei Jahre lang lebt Alexander seinen Traum, der ihn von den Menschen entfernt und ganz zu sich selbst bringt, und so sehr uns Penn die Faszination darin vorführt, sehen wir gleichzeitig, wie grausam die Entscheidung, alle Brücken abzubrechen, für die Familie ist, auch wenn wir sie nicht sympathisch finden. Wir spüren die Bedürftigkeit, wenn Alexander ein Hippiepaar trifft (Brian Dierker und Catherine Keener) und zwischen ihm und der Frau sofort ein Gefühl Platz greift, als seien sie füreinander die ersehnte Mutter und der verlorene Sohn. Wir sehen sein Glück, wenn er im Wildwasser des Colorado River Kanu fährt, und seine Begeisterung, mit der er einen alten Witwer (Hal Holbrook) aus der Greisenstarre erlöst. Und bei all dem sehen wir auch den Wahn dieser Existenz, nicht ganz so ausgeprägt wie in Werner Herzogs „Grizzly Man“, der mit den Bären leben wollte, die ihn dann fraßen, aber doch ähnlich in Alexanders Vision von Reinheit und Unberührtheit in der Natur, die er schließlich ausgerechnet in einem Schulbuswrack ganz oben in Alaska zu finden meint.

          „In die Wildnis“ ist Penns bisher stärkster Film. Er hat in allen Rollen die richtigen Darsteller, William Hurt und Marcia Gay Harden als verklemmt ehrgeizige Eltern, Brian Dierker und Catherine Keener, die als Hippiepaar so wirklichkeitsnah wirken, als gäbe es keine andere Welt, Vince Vaughn in der Rolle eines Farmers, bei dem Alexander einen Sommer lang arbeitet, und schließlich den großartigen Hal Holbrook, der seit mehr als dreißig Jahren in Hollywood zahllosen Nebenrollen ein unverwechselbares Gesicht gegeben hat. Ihn hier als Greis zu sehen, der Alexander schließlich ziehen lassen muss, nachdem dieser ihm ein Leben geschenkt hat, ist eine wunderbare Wiederbegegnung mit einem Schauspieler, der im Film selten genug Zeit hatte, seine Kraft zu entfalten. Außerdem hat Penn in Eric Gautier, der bisher vor allem in Europa mit Regisseuren wie Leos Carax, Olivier Assayas oder Catherine Breillat gearbeitet hat, einen Kameramann gefunden, der nicht in Bildern schwelgt, sondern vor allem in den Landschaften etwas sucht, das wir noch nicht gesehen haben - nicht ihre Erhabenheit, eher ihre Gleichgültigkeit. Allerdings: Wer die Musik Eddie Vedders, einst Pearl Jam, nicht mag, muss weghören. Ein bisschen Stille hätte dem Film nicht geschadet.

          Und dann ist da Emile Hirsch, der Hauptdarsteller. Er ist zweiundzwanzig und wahrscheinlich bald ein Star, was man ihm vielleicht nicht wünschen sollte. Er hat die Präsenz des jungen Leonardo di Caprio und auch die Disziplin, und er kann sein Gesicht so verschließen, dass nur noch ein Hunger sichtbar bleibt, ein Hunger nach Sinn, den die Natur nicht bereithält.

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