https://www.faz.net/-gs6-now9

Video-Filmkritik : Scarlett, verzweifelt gesucht: „Cassandras Traum“

Bild: Constantin Film

„Cassandras Traum“ ist der dritte Film, den Woody Allen in London gedreht hat, und der erste Londoner Allen-Film ohne Scarlett Johansson. Doch die Geschichte mit Ewan McGregor und Colin Farrell stimmt hinten und vorne nicht.

          2 Min.

          Nach Woody Allen kann man im Kino die Uhr stellen. Seit 1977, seit „Annie Hall“, dreht er jedes Jahr einen Film, mit derselben Regelmäßigkeit, mit der in Venedig die Vaporetti und in London die Doppeldeckerbusse fahren (beide sieht man in Allens Filmen). Es gibt Leute, denen das mächtig auf die Nerven geht, und andere, die danach süchtig sind: nach den immergleichen schlichten und doch so vielsagenden Vorspännen, nach den Geschichten, die mit altmodischer Sturheit darauf beharren, dass das Kino eine Kunst von Erwachsenen für Erwachsene ist, nach den schönen und berühmten Schauspielerinnen, die vor Allens Kamera schöne und verruchte Dinge tun, und nach Woody Allen selbst, der sie als väterlicher Freund und manchmal gar als Liebhaber begleitet.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es gibt aber auch ein Land, dem alles, was Allen tut und treibt, zunehmend gleichgültig ist - sein Heimatland Amerika. Ungefähr zehn Jahre haben die Amerikaner Allens Filme geliebt, dann haben sie ihn zehn Jahre lang geschmäht, und jetzt ist er ihnen egal. Schon lange hat Woody Allen deshalb für sein Kino eine Heimat jenseits von New York gesucht. Vor vier Jahren hat er sie gefunden: in Europa.

          Scarlett fehlt

          „Cassandras Traum“ ist der dritte Film, den Woody Allen in London gedreht hat, nach „Match Point“ und „Scoop“, und der erste Londoner Allen-Film ohne Scarlett Johansson. Dass Johansson inzwischen so etwas wie Woody Allens Muse geworden ist - in seinem neuen Film „Vicky Cristina Barcelona“spielt sie wieder mit -, merkt man in „Cassandras Traum“ besonders schmerzlich: Weil sie fehlt. Sie fehlt der Geschichte, aber sie fehlt offensichtlich auch dem Regisseur, und so ist „Cassandras Traum“ einer der schlechtesten Woody-Allen-Filme seit langem geworden, ein Film, der so out of focus ist wie Harry Block in Allens „Deconstructing Harry“, nur dass es darüber diesmal nichts zu lachen gibt.

          Es geht um zwei Brüder (Ewan McGregor und Colin Farrell), die gemeinsam ein Boot kaufen (die „Cassandra's Dream“) und ihre Freundinnen darauf spazieren fahren; aber dann verliert einer der beiden beim Pokern sehr viel Geld (man sieht es nicht), und der andere lernt ein sehr anspruchsvolles Mädchen kennen (Hayley Atwell, eine braunhaarige Scarlett Johansson ohne den Scarlett-Johansson-Touch), so dass ein reicher Onkel (Tom Wilkinson) ihnen aushelfen muss. Der Onkel verlangt aber eine Gegenleistung: Die Brüder sollen für ihn einen Mann umbringen. Sie zögern, quälen sich und diskutieren, dann fassen sie sich ein Herz, danach diskutieren und quälen sie sich weiter, und am Schluss fahren sie wieder zusammen Boot. Dann ist der Film aus.

          Das alles stimmt hinten und vorne nicht, schon weil gar nicht einzusehen ist, warum der Ire Farrell und der Schotte McGregor ein Londoner Brüderpaar spielen sollen. Aber es soll offenbar auch nicht stimmen, denn der Film sieht von Anfang an so aus, als wäre er nur ein Anlass für Woody Allen und seinen Kameramann Vilmos Zsigmond gewesen, sich mit ein paar tollen alten Sportwagen, einer Handvoll guter Schauspieler und einer Menge belangloser Dialoge eine schöne Zeit in England zu machen. Was ohne Zweifel geklappt hat. Aber man muss ihnen dabei nicht zuschauen. Jedenfalls nicht eineinhalb Stunden lang.

          Weitere Themen

          Reichelt von seinen Aufgaben entbunden Video-Seite öffnen

          "Bild"-Chefredakteur : Reichelt von seinen Aufgaben entbunden

          Nach eigenen Angaben gewann der Axel-Springer-Verlag als Folge von Presserecherchen "neue Erkenntnisse" über Reichelts Verhalten. Demnach hatte dieser auch nach Abschluss eines Prüfverfahrens im Frühjahr 2021 „Privates und Berufliches nicht klar getrennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt“.

          Sieht wie Paris aus, ist es aber nicht

          Wes Anderson im Kino : Sieht wie Paris aus, ist es aber nicht

          Eine filmisch nachgeträumte Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, rätselhaft verdichtet zwischen Slapstick und bitterem Ernst: Wes Andersons „The French Dispatch“ läuft ab Donnerstag im Kino.

          Topmeldungen

          Ein Radfahrer fährt am Terminal des Flughafens Frankfurt-Hahn vorbei.

          Ziel vieler Billigflieger : Flughafen Frankfurt-Hahn ist insolvent

          Die Flughafen Frankfurt-Hahn GmbH im Bundesland Rheinland-Pfalz hat Insolvenz angemeldet. Der Flughafen musste zuletzt immer wieder Rückgänge beim Passagieraufkommen hinnehmen – auch schon vor der Corona-Pandemie.
          Blut-Spritzen-Verletzungs-Phobie: Was für die meisten Patienten nur ein unangenehmer Pieks ist, führt bei manchen zu schlimmen Panikattacken.

          Spritzen-Phobie : „Manche denken, sie müssten sterben“

          Seit März 2021 therapiert die Psychiaterin Angelika Erhardt Menschen, die unter krankhafter Angst vor Blut und Spritzen leiden. Ein Interview über das „Angst­gedächtnis“, Therapiemöglichkeiten und den Wunsch nach einer Corona-Impfung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.