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Video-Filmkritik : Rumänische Hölle: „Mutter und Sohn“ im Kino

Bild: X-Verleih

Mit „Mutter und Sohn“ gewann der rumänische Regisseur Calin Peter Netzer den Goldenen Bären auf der Berlinale. Es ist die Geschichte einer zweigeteilten Gesellschaft und einer übergriffigen Mutter.

          2 Min.

          Seit ein Rumäne vor sechs Jahren die Goldene Palme gewann, spielt das rumänische Kino wieder mit im Konzert der Filmmächte. Aber außer ein paar interessanten Soli (wie etwa Radu Judes „Das glücklichste Mädchen der Welt“) war zuletzt nicht viel zu hören aus dem Land hinter den Karpaten.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dass Calin Peter Netzers „Mutter und Sohn“, der Gewinner der Berlinale, bei uns ins Kino kommt, ist also schon ein Fortschritt, auch wenn man dem Film nicht die gleiche Begeisterung entgegenbringen kann wie damals in Cannes Cristian Mungius „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“. Das hat nichts mit dem Thema und schon gar nichts mit den großartigen Schauspielern zu tun, sondern mit der Art, wie Netzer seine Geschichte erzählt.

          Zwischen Fundraising und Shoppingtour

          Es geht um Cornelia (Luminita Gheorghiu), eine Architektin aus der Bukarester Oberschicht, deren parfümierter Alltag zwischen Fundraising-Konzerten und Shopping-Touren durch eine unangenehme Nachricht verpestet wird: Ihr Sohn Barbu hat mit seinem Sportwagen einen Jungen überfahren und getötet. Das Kind stammt aus den Vorstädten, so dass die Gewichte klar verteilt sind: Hier Cornelia, Barbu und das Geld, dort die ohnmächtige Wut der Opfer, dazwischen das weite Feld der Korruption. Aber der Furor, mit dem Barbus Mutter die Rettung ihres Sohnes vor der verdienten Gefängnisstrafe betreibt, ist dennoch staunenswert.

          Kein Polizist, kein Zeuge, kein Sachverständiger ist vor ihren Umschlägen voller Euroscheine sicher; sogar die Tatwaffe, das Auto, filzt sie mit kundiger Hand. Zugleich umsorgt sie ihren Sprössling, der vor lauter Mies- und Fiesheit gerade dabei ist, seine Freundin zu verlieren, auf jede Weise, flößt ihm Beruhigungsmittel ein, salbt seine geprellte Schulter, spioniert ihm hinterher, bis es selbst dem bräsigen Barbu zu viel ist. Man möchte diesem Muttertier nicht nachts auf der Straße begegnen.

          Ein Fall unerbittlicher Mutterliebe

          Was also fehlt „Mutter und Sohn“, dieser knappen, sarkastischen Bestandsaufnahme einer zweigeteilten Gesellschaft? Nicht mehr als eine Haltung. Der Film blickt weder mit den Augen des Sohns auf die Mutter noch umgekehrt, er begnügt sich damit, eine protokollierende, scheinbar ungerührte Perspektive einzunehmen. Aber diese Ungerührtheit ist eine Pose, und je länger der Film dauert, desto stärker macht sich der Widerspruch zwischen der Hitze des Geschehens und der reportagehaften Glätte und Kälte, mit der Netzer es einfängt, in den Bildern breit. Nicht als erhellender Kontrast. Sondern als Herzenslähmung.

          Man würde diese kettenrauchende, Likör süffelnde Matrone und ihren verdorbenen Sohn gern hassen - und zugleich mit ihnen um den glücklichen Ausgang der Geschichte bangen. Aber Netzers Inszenierung und die Handkamera Andrei Buticas lassen niemanden in ihr Leben hinein. Sie schildern diesen Fall von unerbittlicher Mutterliebe wie ein Stück Reality-TV und entziehen ihn gerade dadurch unserem Mitgefühl. Dass er wie ein Insektensammler auf seine Figuren schaue, hat Fassbinder vor vielen Jahren einmal Chabrol vorgeworfen. Angesichts von „Mutter und Sohn“ wirkt das noch untertrieben. Hier wird nicht gesammelt. Hier wird seziert.

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