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Video-Filmkritik : Feigling vor der Lawine

  • -Aktualisiert am

Bild: Alamode

Was passiert, wenn ein Vater kein Held ist? Der Film „Höhere Gewalt“ zeigt die Bruchstellen der individualisierten Gesellschaft. In Sichtweite der Komödie, die dennoch unerreichbar bleibt.

          3 Min.

          Wenn Ikea irgendwann die Alpen kauft, entstehen dort vermutlich viele solcher Hotels wie das in Ruben Östlunds Film „Höhere Gewalt“ - ein großer Wandschrank im Felsen, in dem jede Familie eine Lade bezieht. Zum Streiten müssen die Eltern nach draußen auf einen Gang gehen, auf dem ihnen jeder zuhören kann. Die wichtigen Wege führen durch Schleusen, in denen man bewegt wird - Gleiten statt Hetzen. Alles in einem Rhythmus der Vollversorgung. Der größte Clou aber ist der Spiegel im Badezimmer. Er hat nämlich genau das Format, das auch ein Filmbild hat. Und so können Tomas und Ebba und ihre Kinder Vera und Harry beim Zähneputzen über das Wunder staunen, das sie selbst sind: eine voll funktionale schwedische Wohlstandsfamilie in 1:2,35. Darling, wir sind im Kino!

          Filmreif ist auch die Lawine, die der Familie in die Parade fährt. Da sie in einer Gegend abgeht, in der alles kontrolliert abläuft, wie Tomas noch betont gelassen verkündet, droht von den Schneemassen keine Gefahr. Sie rasen dann aber doch mit solcher Wucht auf die Sonnenterasse zu, auf der die Skifahrer gerade Pause machen, dass die meisten die Nerven verlieren. Es ist eine spektakuläre Szene, in der Östlund für zwei Minuten ins Genre des Katastrophenfilms wechselt. Als sich der weiße Staub gelegt hat, ist zwischen Tomas und Ebba nichts mehr so wie vorher. Denn er hat sich in dem kritischen Moment nicht so verhalten, wie das von ihm zu erwarten gewesen wäre. Doch was genau wäre von ihm zu erwarten gewesen?

          Diese Frage beschäftigt Östlund in „Höhere Gewalt“. Sie stellt sich dem Publikum wie den Figuren. Denn es folgen nun Szenen einer Ehe, und wir müssen unsere Sympathien verteilen. Mal sind wir mehr bei Ebba, dann wieder bei Tomas, zwischendurch vielleicht auch bei Mats, einem später angereisten Freund. Mats, der gern wirken würde wie ein Hipster und Abenteurer (Bart, cooles Gehabe), nimmt sich die Zweifel an der Männlichkeit von Tomas besonders zu Herzen. Aber das hat vielleicht damit zu tun, dass er sich gegenüber der eigenen Familie nicht gerade nobel verhält. Die ist nämlich in Oslo, und er macht Urlaub mit einer Zwanzigjährigen.

          Ausschnitt und Überblick

          Die Probleme, die Östlund interessieren, sind die Probleme, die in hochindividualisierten Gesellschaften mit einem gewissen Wohlstandsniveau nun einmal auftauchen. Skandinavien galt lange Zeit als Beispiel dafür, wie sich die verschiedenen Interessen halbwegs gut integrieren lassen: Selbstverwirklichung, Gemeinsinn, traditionelle Werte, moderne Lebensformen. Östlund macht ein Kino, das die Bruchlinien im skandinavischen Alltag nachzeichnet. Während es bei Ingmar Bergman, auf dessen Feld sich der 1974 geborene Östlund wagt, noch um die Ablösung der alten Götter und um die Schuldgefühle ging, die damit einhergingen, ist aus „Höhere Gewalt“ jede Metaphysik so grundsätzlich gewichen wie eben aus einem Raum mit Ikea-Mobiliar. Die neue Welt ist in die Funktionale gerutscht, und der Künstler fragt, wie es sich darin mit den Gefühlen verhält.

          Die immer wiederkehrenden Szenen vor dem Spiegel sind charakteristisch für Östlund, der einen frontalen Stil bevorzugt. Häufig steht seine Kamera gleich dort, wo sonst die Überwachungskamera wäre, und immer wieder kommt es dadurch zu Einblicken, die zugleich indiskret und unvollständig sind. „Höhe Gewalt“ ist in dieser Hinsicht ein wenig anders als seine beiden vorangegangenen Problemfilme „Unfreiwillig“ und „Play“, die das Prinzip der Totalen (also einer Einstellung aus der Distanz) zu immer wieder überraschenden Verfremdungen nutzten. Sein Spiel mit Ausschnitt und Überblick ist soziologisch und artifiziell, und weil er in beide Richtungen tendenziell immer ein bisschen zu weit geht, leben seine Filme von einer ganz eigentümlichen Spannung.

          Am Ende hilft schon eine Zigarette

          In den Hochalpen, in der fremden und seltsamen Welt des Wintertourismus, ist Östlund gut beraten, sich nicht zu sehr auf die Schauwerte zu verlassen, von denen es genügend gibt. Das Skifahren selbst ist ja eine wunderbare Metapher für den Aufwand, den es braucht, um Leichtigkeit zu organisieren. Für ein paar schwungvolle Minuten wird eine langwierige Anreise in Kauf genommen, man zwängt sich in eine unvorteilhafte Montur, und abends fühlt man sich wie ein Astronaut auf dem falschen Trabanten. Östlund hat früher einmal Filme über das Skifahren gemacht, und man sieht an „Höhere Gewalt“ noch, dass er weiß, wie man ein bestimmtes Abheben zeigt.

          Noch besser weiß er, wie man auf die Nase fällt. Die Komödie ist hier immer um die nächste Ecke, aber sie bleibt unerreichbar. Denn das Leben von Tomas und Ebba ist letztlich zu gewöhnlich, als dass es sich von einer höheren Gewalt wirklich betreffen lassen könnte. Mit Ruben Östlund hat das europäische Kino einen Beobachter auf der Höhe unserer Zeit gefunden: Er sieht dabei zu, wie sich in den künstlichen Paradiesen die letzten Regungen des Naturzustands verlieren. Am Ende hilft schon eine Zigarette, damit Tomas sich wieder als Mann fühlt. Oder um zumindest den Zweifel daran zu betäuben, ein selbstverständliches Leben könnte ein für allemal unerreichbar geworden sein.

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