https://www.faz.net/-gs6-nos4

Video-Filmkritik : Rohe Kraft: „Chiko“

Bild: Falcom

Dieser Film macht keine Gefangenen. Özgür Yildirims „Chiko“ mit Denis Moschitto und Moritz Bleibtreu erzählt von Gangs, Gewalt und Drogen, Freundschaft, Familie und Tod - und das alles mit einer großen Glaubwürdigkeit.

          2 Min.

          „Chiko“ hat Biss. Er ist hart und schnörkellos inszeniert, klar und simpel gebaut. Der Regisseur Özgür Yildirim ist keine dreißig, er kommt aus Hamburg, der Film spielt auch dort, im Stadtteil, der seinen beschaulichen Namen Mümmelmannsberg schon lange konterkariert. Fatih Akins Firma Corazón hat dieses Debüt produziert, und es ist ein Film, der keine Gefangenen macht. Er sieht nicht spektakulär aus, er hat diese etwas monotone Fernsehästhetik mit ihrem Dauerfeuer aus Schüssen und Gegenschüssen und viel zu wenig Weite.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Aber „Chiko“ kommt dafür sofort zur Sache, er wird nicht sentimental, er meidet die Fallen des fernsehproduzierten Sozialdramas, und wenn man auch vorsichtig sein sollte mit der Behauptung, etwas wirke realitätsnah, wenn man in diesem Milieu nicht zu Hause ist, dann kommt es einem doch so vor: Wie da geredet und geschlagen wird, wie die Wut ausbricht und wohin diese Ausbrüche führen, das hat zumindest eine große Glaubwürdigkeit. Probleme, den richtigen Ton zu finden, ihn zu halten und zu modulieren über neunzig Minuten, hat Özgür Yildirim jedenfalls nicht. Und ein gutes Gespür für Schauspieler hat er auch, bis hin zum Casting der sogenannten Porno-Rapperin Reyhan Sahin alias Lady Bitch Ray in einer Nebenrolle.

          Träume von Reichtum und Macht

          Es ist eine Geschichte von Gangs, Gewalt und Drogen. Isa, der sich Chiko (Denis Moschitto) nennt, will groß rauskommen, Brownie (Moritz Bleibtreu) ist schon eine Kiezgröße, Chikos bester Freund Tibet (Volkan Özcan) will das Geld, um seiner kranken Mutter eine neue Niere zu verschaffen. Es geht um Freundschaft, Familie und Tod, um naive Träume von Reichtum und Macht, die sich nur mit sehr unnaiven Mitteln realisieren lassen, und so spielt der Film meist auf der Straße, in Krankenhausfluren, engen Wohnungen und in einer Moschee. Erst geht es um Gras, dann um Koks, erst sind die Freunde sich einig, dann wird Tibet für riskante Verkäufe mit einem Nagel in den Fuß bestraft und will Rache.

          Was „Chiko“ seine rohe Kraft verleiht, ist diese Geradlinigkeit wie in Fatih Akins eigenem Debüt „Kurz und schmerzlos“ (1998). Da ist nicht diese verbreitete Filmhochschulmanie, sich mit großen Gangstervorbildern messen zu wollen und zu stilisieren wie Scorsese. Es ist alles ganz unprätentiös, und genau deshalb wird es tragisch. Chiko, der es zum erträumten weißen Mercedes mit goldenen Felgen bringt, ist hin- und hergerissen, bis er nur noch das Falsche tun kann: zwischen der Freundschaft zu Tibet, den er „Bruder“ nennt, den Regeln des Drogenhandels und seinem Traum vom Leben auf großem Fuß. Und so endet alles in einer tödlichen Umarmung - eine Geste, welche die ganze Stimmung des Films perfekt trifft.

          Weitere Themen

          Die Natur in uns

          Zum Tod von Gernot Böhme : Die Natur in uns

          Die Philosophie verstand er als eine Lebensform und Praxis. Für den modernen Menschen gelte es, ein Gefühl für die Natur zurückzugewinnen. Zum Tod von Gernot Böhme.

          Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

          Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

          Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

          Topmeldungen

          „Eine Impfplicht für Risikogruppen wäre ein guter Kompromiss“: Cihan Çelik im September auf der Corona-Isolierstation im Klinikum Darmstadt

          Lungenarzt Cihan Çelik : „Es gibt kein Durchatmen“

          Cihan Çelik behandelt weiter Covid-Kranke – und hält mittlerweile eine Impfpflicht für Risikogruppen für einen guten Kompromiss. Ein Interview über Omikron, die Endemie und das Zögern der Ständigen Impfkommission.

          Rätselraten um Tennis-Star : Was ist mit Alexander Zverev los?

          Wie ein Stromausfall: Alexander Zverev scheidet bei den Australian Open bereits im Achtelfinale aus. Sein kraftloser Auftritt wirft Fragen auf, die auch er selbst nicht beantworten kann.
          Machte sich gern über die „Inflation-is-coming-crowd“ lustig: Paul Krugman ist Träger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften.

          Krugman und Summers : Der große Streit über die Inflation

          Paul Krugman hat sich gern über Leute lustig gemacht, die vor Inflation warnen. Larry Summers dagegen sah als einer der ersten die Gefahren für die Preisentwicklung aufziehen. Jetzt trafen die beiden Starökonomen zum Schlagabtausch aufeinander.
          Karin Beck und Andrea Straub in ihrer Drogerie auf der Schwäbischen Alb

          Zehn Jahre nach der Insolvenz : Frauen ohne Schlecker

          Vor genau zehn Jahren ging die Drogeriemarktkette Schlecker unter. Andrea Straub und Karin Beck haben in einer Filiale auf der Schwäbischen Alb auf eigene Faust weitergemacht – und sind immer noch im Geschäft.