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Video-Filmkritik : Realismus mit Goldrand: „Zeiten des Aufruhrs“

Bild: Paramount

„Zeiten des Aufruhrs“ von Sam Mendes bringt das „Titanic“-Traumpaar Kate Winslet und Leonardo di Caprio wieder gemeinsam auf die Leinwand. Der Film erzählt von zwei Menschen, die sich nach langer Zeit eingestehen müssen, anders zu sein, als sie sich bisher wahrgenommen hatten.

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          So sieht ein gefundenes Fressen für den Boulevard aus: Der Mann ist Regisseur, seine Ehefrau eine bekannte Schauspielerin, und er gibt ihr am Set Anweisungen, wie sie mit einem der großen Sexsymbole unserer Zeit am besten eine Sexszene spielt. Die Konstellation ist inzwischen längst ausgeweidet, Kate Winslet hat erklärt, wie das so ist, vom Ehemann Anweisungen für Liebesszenen zu bekommen, der Ehemann Sam Mendes hat auch etwas gesagt, und Leonardo DiCaprio hat nicht viel dazu zu sagen gehabt. Damit kann man den Fall als erledigt betrachten, kann noch rasch notieren, dass Kate Winslet und DiCaprio seit „Titanic“, also fast schon seit 1912, nicht mehr gemeinsam vor der Kamera gestanden haben, und sich einfach den Film ansehen, in dem sie die Hauptrollen spielen.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Revolutionary Road“ heißt er, „Zeiten des Aufruhrs“, genau wie der Roman von Richard Yates, dem großen, halb vergessenen amerikanischen Schriftsteller, der so nüchtern wie kein anderer über die fünfziger Jahre, über die Jugend der Babyboomer geschrieben hat, über ihre verlorenen Illusionen, und dessen Schärfe und Schonungslosigkeit oft mit einem Mangel an Empathie verwechselt worden sind, obwohl es gerade von Empathie zeugt, dass er die Enttäuschungen seiner Protagonisten nicht noch einmal mit Krokodilstränen beweint.

          Eine Ehe am Abgrund

          Yates also - ein guter Stoff für den Briten und gelernten Theatermann Mendes, 43, der „American Beauty“, „Road to Perdition“ und „Jarhead“ mit einer nahezu klinischen Präzision inszeniert hat, die nicht immer von Teilnahmslosigkeit und Kälte zu unterscheiden ist, es vielleicht auch nicht sein soll. Ein Paar findet sich auf einer Party in New York, Mitte der fünfziger Jahre. Eine schöne Frau mit einem verführerischen Blick, ein smarter, selbstsicherer junger Mann; man sieht, dass die beiden einfach zueinander kommen müssen, weil sie so anders wirken, so frisch, so schön und vielversprechend wie ihr erster Dialog.

          Es folgt, ganz rasch, eine sehr zähe, sehr amateurhafte Theateraufführung, bei der sie auf der Bühne steht und er im Publikum sitzt, und was er sieht, das ist so gar nicht mehr vielversprechend, wie er selbst auch nicht mehr so lässig wirkt. Dann stehen sie, etwas überinszeniert, an der Landstraße im Licht der Autoscheinwerfer, und wie sie sich anschreien, was sie einander an den Kopf werfen, das ist so heftig und verletzend, dass das Schicksal dieser Ehe schon besiegelt ist, obwohl gerade zehn Minuten vorbei sind.

          Letzte Hoffnung Paris

          Das ist großartig, das ist wie bei Yates, der schon auf den ersten Seiten seiner Romane dieses Gefühl beschreiben kann, diese Resignation, die alles Folgende zu einem verzweifelten Kampf macht, sich auf der schiefen Ebene festzukrallen und die Sache noch einmal zu drehen. Der Aufbruch, er ist bloß eine schöne Schimäre, und der Film arbeitet hart, mitunter etwas zu hart daran, in jeder weiteren Szene genau diese Stimmung zu erzeugen: Dass an den Hoffnungen, der Zuversicht, den Träumen von vornherein ein Bleigewicht hängt, so schwer, dass es sie unweigerlich herunterziehen wird. Das Haus, das April und Frank vor den Toren New Yorks kaufen, ist zu mustergültig, unerträglich hübsch und aufgeräumt, es liegt an einer Straße, die „Revolutionary Road“ heißt, die Kinder sind zu pflegeleicht, die netten, superspießigen Nachbarn sind vor allem dazu da, dem Ehepaar Wheeler das Gefühl zu geben, etwas Besonderes zu sein, „special“, wie das im Englischen heißt. Und damit das unmissverständlich wird, zeigt der Film Franks Weg zur Arbeit wie ein Stammesritual: Fast identisch gekleidete Männer mit fast identischen Gesten, eine graue Armee, die den Vorortzug erwartet, besteigt und an der New Yorker Central Station ausgespuckt wird, um in Büros zu verschwinden, die vermutlich auch fast identisch aussehen.

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