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Video-Filmkritik „Prometheus“ : Phantomatische Bildbestattung

Bild: F.A.Z, Twentieth Century Fox

Ridley Scotts Spätwerk „Prometheus - Dunkle Zeichen“ seziert sein Genre. Der Regisseur vertraut ganz auf Michael Fassbender als Android - und auf bewährte Zweideutigkeiten.

          4 Min.

          Nur der synthetische Mann, den Michael Fassbender so behutsam spielt, als hätte er für die Entwicklung der Rolle drei Filme lang Zeit, versteht, worum es in „Prometheus“ geht. Auf der langen Reise zu dem Unstern, in dessen Eingeweiden die menschliche Besatzung ihre Schöpfer zu finden hofft, studiert der Androide Projektionen von Hirninhalten der im Kälteschlaf Suspendierten und sieht sich alte Breitwandepen an, darunter - die Wahl ist wichtiger, als es den Anschein hat - „Lawrence of Arabia“. Später verbittet sich ein Menschenkind indirekt seine Einfühlsamkeit. Diskret darauf hingewiesen, er sei als seelenloser Automat unbefugt, im Humangemüt herumzustochern, erwidert er: „I watched your dreams.“ Die perfide Zweideutigkeit macht keinen Unterschied zwischen wirklichen Träumen und dem Kino. Der phantastische Film als Genre lebt von solchen Zweideutigkeiten. Was erzählt „Prometheus“?

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Forscher verschiedener Sparten, von der Archäologie bis zur Mikrobiologie, fliegen ins All, um im Auftrag eines schwerreichen und todesnah gebrechlichen Philanthropen (Guy Pearce) herauszufinden, ob Erich von Däniken nicht doch recht hatte (neue Funde an irdischen Grabungsstätten sprechen dafür). Die wissenschaftliche Leitung der Expedition teilen sich zwei verliebte Vollgläubige, Charlie Holloway (Logan Marshall-Green) und Elizabeth Shaw (Noomi Rapace), das Budget überwacht die engherzige Tochter des Geldgebers (Charlize Theron), Wärme und ruppigen Humor steuert der Kapitän (Idris Elba) bei.

          Mit Außerirdischen aller Arten und Rassen

          Alle erreichen den Zielort, stören die Totenruhe der Götter, fallen der Reihe nach den Elementen, uralten Sicherheitssystemen, ihrer eigenen Dummheit sowie den scharfen Rändern des Drehbuchs zum Opfer und erfahren dabei Deprimierendes über Abkunft und Bestimmung ihrer Gattung. Die letzte Einstellung des szenenweise magisch glasklar, an anderen Stellen seltsam fahrig, an wieder anderen ergreifend altmodisch inszenierten Films zeigt eine Variante des Ungeheuers, das in den vier kanonischen Filmen der „Alien“-Tetralogie sein Unwesen treibt, zu denen „Prometheus“ ein logisch und narrativ absichtsvoll verunklartes Vorspiel sein will.

          „Ah, das Alien!“, freut sich der Zuschauer auf dem Nebensitz. Er weiß nicht, dass der Name, den die Fans des Kanons für den geifernden schwarzen Langbohnenkopf am liebsten gebrauchen, „der Xenomorph“ lautet, wörtlich: der Fremdförmige, und hat offenbar auch vergessen, dass „Prometheus“ mit Aliens unterschiedlichster Arten und Rassen so vollgestopft ist wie eine Presseerklärung des Verfassungsschutzes mit Ausreden. Ridley Scott, der „Prometheus“ gedreht hat, war 1979 auch der Geburtshelfer des Xenomorphen, der danach durch geschickte und sorgfältige (James Cameron, David Fincher) wie grobe und unwürdige (Paul W. S. Anderson, um Himmels willen!) Hände gegangen ist. Die Wiederaneignung der betreffenden Bildwelt im Rahmen des Scottschen Spätwerks müsste das, was diese Wanderhistorie aggregiert hat, ergreifen, verstärken oder assimilieren, dürfte es gewiss auch löschen, nämlich überschreiben.

          Bildnerische Arbeit an den großen Fragen

          Statt sich im Detail darauf einzulassen, wirft Scott sich in widersprüchlich überfüllte Tableaus: Wo 1979 die Ortsbegehung auf dem Raumschiff „Nostromo“ und das Spiel mit Irritationen des Gleichgewichtssinns einem langen Atemholen glichen, das schließlich in stoßweise servierten Schrecken seine Entladung erfuhr - ein Verfahren, das sich James Cameron dann für seine platzregengepeitschte, blitzbekritzelte Fortsetzung von 1986 abgeguckt und hocheffektvoll ausgebaut hat -, sind in „Prometheus“ Räume wie Personen von immer wieder irritierend aufgehobener Leiblichkeit, flüchtiger Schwere, brüchig, bröselnd, schattenhaft selbst da, wo sie leuchten - Stanislaw Lem hätte von „Phantomatik“ gesprochen.

          Es ist, als habe sich Scott vorgenommen, mit der Schärfe anatomisierend klar ausgeleuchteter Einstellungen ins Mythenfleisch der großen Fragen zu schneiden, die das Drehbuch von Jon Spaihts und Damon Lindelof stellt: Woher kommen wir? Wie scheußlich ist es da? Muss das sein? So rinnt Esoterikerblut bei noch schlagendem Herzen aus der Fabel, bis nichts übrig bleibt als die stilechte Selbstrechtfertigung eines Regisseurs, der vor dreißig Jahren von sich gesagt hat, er wolle der John Ford des Science-Fiction-Films werden.

          Bildspuren aus der vordigitalen Zeit

          Was malt eine gealterte Hand, die vor der Leinwand zittert - nicht aus Unentschlossenheit, sondern der immanenten Vergänglichkeit des ästhetischen Strebens wegen? Scott wählt den breiten Pinsel und vertraut auf die feinen Risse des Abblätterns, die später Patina spenden werden. Das hat ihn wohl auch bewogen, einen jungen Mann wie Guy Pearce den Greis Weyland spielen zu lassen - eine bedauerlich windige Idee, denn die Gummimaske raubt der Gestalt mimische Freiheiten, mit denen sie etwa darauf hätte reagieren können, dass sowohl die Tochter wie der robotische Diener sie sterben sehen wollen. Beide sind aufs Erbe aus.

          Scott auch: Die bisher veröffentlichte Kritik sieht ihn hier und da gar als vorwegnehmenden Erbschleicher des Genres, der sich bei Camerons „Avatar“ oder Jacksons „Herr der Ringe“ im Animierten und Landschaftlichen bedient hat. Die Fährte ist falsch. Viel stärker als die Nähe zu phantastischen Filmen der vergangenen drei Dekaden nämlich berührt an „Prometheus“ die Fülle der unbewussten, vielleicht auch hier und da bewusst gesetzten Echos aus dem Bilderfundus der Comicleute, Postermaler und Airbrush-Designer der unmittelbar vordigitalen Epoche populärer Gebrauchsgraphik - Zeitgenossen jenes H. R. Giger also, der für die optischen Schauder des „Alien“-Kosmos verantwortlich zeichnet. Die Übermenschen im „Prometheus“ sind von Enki Bilal, die Landschaften und grotesken Relikte von Tim White, die Raumschiffe von Chris Foss - die Liste ließe sich verlängern.

          Erprobt an fantastischer Literatur

          1979, als das Handwerk dieser Leute seine letzte große Blüte hatte und Scotts „Alien“ ins Kino kam, besuchte der Regisseur den Science-Fiction-Schriftsteller Harlan Ellison und versuchte, diesen als Skriptretter für die Verfilmung des Wüstenwelt-Romans „Dune“ von Frank Herbert zu gewinnen. Ellison riet ihm ab: „Who needs to see ,Dune’ when David Lean has already made ,Lawrence of Arabia’?“

          „Prometheus“, nicht durchweg fugenlos zusammengeschoben aus Graphik und Schauergeschichte, ist Scotts späte Antwort auf Ellisons Skepsis. Der John Ford des Science-Fiction-Genres konnte nur einer werden, der schauspielerisch tragfähige Entsprechungen für die Entrückungsprosa von Autoren wie Ellison, Herbert oder Philip K. Dick zu finden wusste. In Scotts Dick-Verfilmung „Blade Runner“ von 1982 gelang das: Der Roboterdarsteller Rutger Hauer ließ sich vom Ambiente, das der Regisseur ihm zur Verfügung stellte, zum grandiosen, mit einer improvisierten Schlusskadenz beendeten „Tears in rain“-Monolog inspirieren, der dichtesten, schönsten je gedrehten filmischen Einkapselung des aufgeklärten Staunens, das Science-Fiction fordert.

          „Prometheus“streckt sich nach solchen Momenten, kommt ihnen oftmals ganz nahe, verfehlt sie aber. Scott ist unschuldig an diesem Scheitern. „Prometheus“ setzt im Zittern unverächtlichen Glanz frei, scheitert schön. Nicht einmal das tränenreiche, mal religiös verzückte, mal aufdringlich hysterisierte Spiel der überschätzten Noomi Rapace kann das schmälern.

          Der alte Maler hat einer Bildschule, die er liebt, eine üppige Todesanzeige spendiert. Es gibt, sagt sie, kein Exokino mehr, das noch einen John Ford verlangt - der Stand der Täuschungstechnik (Rechnerpaletten, 3D-Zwang) hat es gefressen. Ist das wahr? Nein, flüstert die außerirdische Stimme. Das Exokino ist nicht tot. Es schläft in schockgefrorenen Bildern. Bald wird es jemand wecken, der keine Angst davor hat.

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