https://www.faz.net/-gs6-71xfb

Video-Filmkritik „Prometheus“ : Phantomatische Bildbestattung

Es ist, als habe sich Scott vorgenommen, mit der Schärfe anatomisierend klar ausgeleuchteter Einstellungen ins Mythenfleisch der großen Fragen zu schneiden, die das Drehbuch von Jon Spaihts und Damon Lindelof stellt: Woher kommen wir? Wie scheußlich ist es da? Muss das sein? So rinnt Esoterikerblut bei noch schlagendem Herzen aus der Fabel, bis nichts übrig bleibt als die stilechte Selbstrechtfertigung eines Regisseurs, der vor dreißig Jahren von sich gesagt hat, er wolle der John Ford des Science-Fiction-Films werden.

Bildspuren aus der vordigitalen Zeit

Was malt eine gealterte Hand, die vor der Leinwand zittert - nicht aus Unentschlossenheit, sondern der immanenten Vergänglichkeit des ästhetischen Strebens wegen? Scott wählt den breiten Pinsel und vertraut auf die feinen Risse des Abblätterns, die später Patina spenden werden. Das hat ihn wohl auch bewogen, einen jungen Mann wie Guy Pearce den Greis Weyland spielen zu lassen - eine bedauerlich windige Idee, denn die Gummimaske raubt der Gestalt mimische Freiheiten, mit denen sie etwa darauf hätte reagieren können, dass sowohl die Tochter wie der robotische Diener sie sterben sehen wollen. Beide sind aufs Erbe aus.

Scott auch: Die bisher veröffentlichte Kritik sieht ihn hier und da gar als vorwegnehmenden Erbschleicher des Genres, der sich bei Camerons „Avatar“ oder Jacksons „Herr der Ringe“ im Animierten und Landschaftlichen bedient hat. Die Fährte ist falsch. Viel stärker als die Nähe zu phantastischen Filmen der vergangenen drei Dekaden nämlich berührt an „Prometheus“ die Fülle der unbewussten, vielleicht auch hier und da bewusst gesetzten Echos aus dem Bilderfundus der Comicleute, Postermaler und Airbrush-Designer der unmittelbar vordigitalen Epoche populärer Gebrauchsgraphik - Zeitgenossen jenes H. R. Giger also, der für die optischen Schauder des „Alien“-Kosmos verantwortlich zeichnet. Die Übermenschen im „Prometheus“ sind von Enki Bilal, die Landschaften und grotesken Relikte von Tim White, die Raumschiffe von Chris Foss - die Liste ließe sich verlängern.

Erprobt an fantastischer Literatur

1979, als das Handwerk dieser Leute seine letzte große Blüte hatte und Scotts „Alien“ ins Kino kam, besuchte der Regisseur den Science-Fiction-Schriftsteller Harlan Ellison und versuchte, diesen als Skriptretter für die Verfilmung des Wüstenwelt-Romans „Dune“ von Frank Herbert zu gewinnen. Ellison riet ihm ab: „Who needs to see ,Dune’ when David Lean has already made ,Lawrence of Arabia’?“

„Prometheus“, nicht durchweg fugenlos zusammengeschoben aus Graphik und Schauergeschichte, ist Scotts späte Antwort auf Ellisons Skepsis. Der John Ford des Science-Fiction-Genres konnte nur einer werden, der schauspielerisch tragfähige Entsprechungen für die Entrückungsprosa von Autoren wie Ellison, Herbert oder Philip K. Dick zu finden wusste. In Scotts Dick-Verfilmung „Blade Runner“ von 1982 gelang das: Der Roboterdarsteller Rutger Hauer ließ sich vom Ambiente, das der Regisseur ihm zur Verfügung stellte, zum grandiosen, mit einer improvisierten Schlusskadenz beendeten „Tears in rain“-Monolog inspirieren, der dichtesten, schönsten je gedrehten filmischen Einkapselung des aufgeklärten Staunens, das Science-Fiction fordert.

„Prometheus“streckt sich nach solchen Momenten, kommt ihnen oftmals ganz nahe, verfehlt sie aber. Scott ist unschuldig an diesem Scheitern. „Prometheus“ setzt im Zittern unverächtlichen Glanz frei, scheitert schön. Nicht einmal das tränenreiche, mal religiös verzückte, mal aufdringlich hysterisierte Spiel der überschätzten Noomi Rapace kann das schmälern.

Der alte Maler hat einer Bildschule, die er liebt, eine üppige Todesanzeige spendiert. Es gibt, sagt sie, kein Exokino mehr, das noch einen John Ford verlangt - der Stand der Täuschungstechnik (Rechnerpaletten, 3D-Zwang) hat es gefressen. Ist das wahr? Nein, flüstert die außerirdische Stimme. Das Exokino ist nicht tot. Es schläft in schockgefrorenen Bildern. Bald wird es jemand wecken, der keine Angst davor hat.

Weitere Themen

Wie gut kennen Sie die deutschen Kandidaten? Video-Seite öffnen

Quiz zur Kulturhauptstadt 2025 : Wie gut kennen Sie die deutschen Kandidaten?

Heute entscheidet sich, welche deutsche Stadt europäische Kulturhauptstadt 2025 wird. Zur Wahl stehen Chemnitz, Hannover, Hildesheim, Magdeburg und Nürnberg. Sagt Ihnen nichts? Oder haben Sie die alle schon bereist? Hier können Sie Ihr Wissen testen!

Mein Avatar und ich

Sci-Fi im Ersten: „Exit“ : Mein Avatar und ich

Das kleine deutsche Startup „Infinytalk“ verspricht ewiges digitales Leben in der Cloud. Das ruft einen chinesischen Investor auf den Plan. Und es beginnt Science-Fiction, wie sie die ARD selten hat: „Exit“, ein Thriller.

Topmeldungen

Bundeskanzlerin Merkel mit Berlins Bürgermeister Müller (links) und Bayerns Ministerpräsident Söder (rechts) vor der Pressekonferenz

Neue Corona-Regeln ab Montag : Merkel verkündet „nationale Kraftanstrengung“

Merkel und die Ministerpräsidenten haben sich verständigt: Im November wird das Land in eine Art „Lockdown light“ versetzt. Restaurants werden geschlossen, Veranstaltungen und private Hotelübernachtungen verboten, Kontakte beschränkt. Alle stünden hinter dieser Entscheidung.
Der F.A.Z. Wissen Podcast mit Joachim Müller-Jung und Sibylle Anderl 25:57

F.A.Z. Wissen – der Podcast : Wo geschehen die Corona-Ansteckungen?

Während die Infektionszahlen in die Höhe schnellen, stellt sich dringlicher denn je die Frage nach den Ansteckungswegen. Was weiß man mittlerweile darüber, wie und wo Sars-CoV-2 weitergegeben wird?
Im Krisenmodus: Aktienhändler im Handelssaal der Frankfurter Wertpapierbörse

Dax bricht ein : Die Angst der Anleger vor dem Worst Case

Steigende Infektionen und das wiederholte Herunterfahren der Wirtschaft lassen die Aktienkurse einbrechen. Noch ist es weniger schlimm als im Crash-Monat März.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.