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Céline Sciammas „Porträt ...“ : Als sei es der erste Liebesfilm

Bild: Alamode Filmverleih

Spiel der Blicke, die nicht töten: Céline Sciammas „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ zeigt eine Malerin und ihr Modell im 18. Jahrhundert. Ein Kostümfilm wie kein anderer, ein ganz neuer Film über die Kunst.

          5 Min.

          Was ist anders an einem Film, den eine Frau gedreht hat? Nicht bei jedem Film einer Regisseurin stellt sich diese Frage, aber im Fall von „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ von Céline Sciamma ist sie unausweichlich. Weil in jedem Bild, in jedem Augenblick der Stille, jedem gesprochenen Satz, jedem Blick eine Aufmerksamkeit liegt, die weiblich ist insofern, als sie in Filmen von Männern nicht zu finden ist. Ein Abtasten von Körpern mit der Kamera, das keine Spur von Voyeurismus zeigt. Eine Hingabe von Liebenden jenseits von Macht. Eine Erzählhaltung, die auf den Pfeilern der genauen Wahrnehmung davon steht, in welcher natürlichen Position Frauen sich zur Welt befinden – in der Position der Kämpfenden nämlich, notgedrungen und täglich. Sie kämpfen darum, trotz schwerer Kleider über unförmigen Unterröcken loszurennen. Darum, zu entscheiden, wie die eigene Zukunft aussieht. Um Anerkennung in ihrem Handwerk, ihrer Kunst. Ums Subjektsein also. Möglicherweise gewinnen sie den Kampf, auch wenn es nicht so aussieht, weil sie sich den Konventionen ihrer Zeit am Ende beugen müssen.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Céline Sciamma, die auch das (in Cannes mit einer Palme ausgezeichnete) Drehbuch zu ihrem Film geschrieben hat, erzählt von der Liebe zweier Frauen im vorrevolutionären Frankreich. Es geht um Begehren, Zögern, Verlocken, Erkennen, um Lust. Da die eine Frau, Marianne, gespielt von Noémie Merlant, eine Malerin, die andere, Héloise, gespielt von Adèle Haenel, ihr Modell, obwohl sie das lange nicht weiß, geht es ebenso um Fragen der Kunst, der Repräsentation, der Poesie. Vor allem aber, da es sich um Kino handelt, geht es darum, wie eine Geschichte aus jener Zeit in einem Film von heute aussehen kann – einem Kostümfilm, als sei es der erste überhaupt. Einem Liebesfilm, als hätte es kaum einen zuvor gegeben. Einem Künstlerinnenporträt jenseits akademischer Grabenkämpfe und jenseits der Vorstellung vom einsam Genialischen.

          Und weil eine Liebe zwischen zwei Frauen im achtzehnten Jahrhundert keine lebenspraktische Perspektive ist, hat Céline Sciamma ihre Geschichte aus der Erinnerung heraus gebaut. Ihr Film ist über alles hinaus also auch ein Film über die Zeit und darüber, was die Kunst, das Kino, mit ihr macht. Dazu braucht sie ihrerseits Zeit. Nicht im Sinn einer besonders ausgedehnten Filmlänge, das nicht, nach zwei Stunden ist „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ vorbei. Aber Sciamma erzählt in vollständigen szenischen Einheiten, macht kein Schnittfutter aus ihren Einstellungen, blendet nicht weg, sondern erzeugt ihren Rhythmus, der dramatisch sein kann oder jauchzend oder auch schläfrig, allein in den Szenen selbst, durch Spiel und Bewegungen ihrer Schauspielerinnen und deren Kostüme (von Dorothée Guiraud), und mit der Kamera, geführt von Claire Mathon.

          Der Film beginnt im nachrevolutionären Frankreich in einer Malerinnenklasse, die Marianne unterrichtet und in der sie für ihre Schülerinnen Modell sitzt. Es herrscht Stille, die leisen Anweisungen Mariannes, der leise Atem der Frauen und das Geräusch kratzenden Graphits sind das Einzige, was wir hören. Eine der Schülerinnen hat im Depot der Akademie ein Bild entdeckt, das sie fasziniert, und es hinten im Saal auf einen Stuhl gestellt. Ob sie es gemalt habe und wie es heiße, fragt die Schülerin. Und Marianne sagt: „Porträt einer jungen Frau in Flammen“.

          Bis zum Schluss keine Männer mehr

          Die Erzählung, die folgt, setzt mit diesem Bild ein und ist in ihm gleichzeitig bereits enthalten. Eine junge Frau steht im Dunkeln am Waldrand. Ihr Kleid hat Feuer gefangen. Ihr Gesicht leuchtet, ihr Blick ist ein Versprechen, dahinter ein Geheimnis. Ein Frauenblick hin zu einer anderen Frau, der Malerin. Wie die Sache ausging, ist am Anfang klar. Das ist in gewisser Weise ihr Punkt. Dieser Film ist das Echo einer Liebe in der Erinnerung.

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