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Video-Filmkritik : Polit-Porno: „Der Baader Meinhof Komplex“

  • -Aktualisiert am

Bild: Constantin

Ein Film, der nur aus Höhepunkten besteht: „Der Baader Meinhof Komplex“ erzählt die Geschichte der RAF als Actionfilm - aber bei so viel Stoff bleibt kaum je Zeit, den Blick auch mal auf die Menschen hinter den Aktionen zu richten.

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          Der Film hat von allem keine Meinung . . . Er überlässt den Zuschauern die Haltung, die er selbst nicht hat oder höchstens vortäuscht.

          Diese Sätze stammen von Wim Wenders, und er hat sie geschrieben, nachdem er die Bernd-Eichinger-Produktion „Der Untergang“ (siehe: Im Kino: „Der Untergang“) gesehen hatte und fassungslos vor Zorn war. Nicht weil der Film von Oliver Hirschbiegel keine moralischen Fingerzeige gegeben hätte, sondern weil er es an jeder erzählerischen Haltung mangeln ließ (siehe: Wenders kritisiert den „Untergang“).

          Dasselbe kann man genauso über die Bernd-Eichinger-Produktion „Der Baader Meinhof Komplex“ sagen, deren Regisseur Uli Edel moralisch auch keine Fragen offenlässt, aber erzählerisch keine Sekunde lang erkennen lässt, worin seine Interessen gelegen haben mögen. Am Ende fällt ein Satz, der sich als Schlüsselsatz begreift, aber im Grunde eine Haltung auch nur vortäuscht: „Ihr habt sie nie gekannt. Hört auf, sie so zu sehen, wie sie nie waren“, sagt Brigitte Mohnhaupt (Nadja Uhl) da zu den Terroristen der Folgegeneration. Klingt gut, aber was heißt das eigentlich? Schluss mit der Idealisierung natürlich. Nur an wen wäre diese Botschaft gerichtet? An jene, die damals glaubten, die RAF habe für eine gerechte Sache gekämpft? An eine heutige Generation, die bestimmte Aspekte der Bewegung wieder schick findet? Ist es aber nicht viel eher so, dass kein Mensch sie heute mehr so sieht, wie sie nicht waren, weil die Sache seit über zwanzig Jahren von allen Seiten beleuchtet wurde und man von einem Film, der sich vollmundig dieser Epoche annimmt, erwarten dürfte, dass er mehr anzubieten hat als die Demaskierung von Leuten, die längst nackt dastehen?

          Würde hat ein anderes Gesicht

          Die Filmemacher haben oft betont, dass die Würde der Opfer gewahrt werde, und auch da fragt man sich, was das genau heißen soll, wenn man sieht, wie ihre Ermordung einfach in ihrer ganzen Bestialität gezeigt wird. Als sei das nicht auch schon dem letzten Sympathisanten klar, dass es da nichts zu beschönigen gibt. Würde hieße ja wohl, dass hinter dem Opfer der Mensch sichtbar wird. Wie das aussehen kann, hätten die Filmemacher vielleicht lernen können, indem sie sich „Deutschland im Herbst“ ansehen, einen mit heißer Nadel gestrickten Gemeinschaftsfilm, den Kluge, Fassbinder, Schlöndorff und andere, die alle mit dem Staat auch nicht so ganz im Reinen waren, 1977 nach den Stammheim-Toten und der Schleyer-Ermordung auf die Beine gestellt haben (siehe: FAZ.NET-Spezial: Das Kino und die RAF) Dieser Film beginnt mit einem Brief Schleyers aus der Geiselhaft, adressiert an seinen Sohn, endend mit den Worten: „Bleibt Ihr gesund und optimistisch. Hoffentlich auf bald, Dein Vati.“

          Diese von Kluge vorgelesenen Worte rücken die Dinge auf eine Weise in eine andere Perspektive, an der sich der ganze restliche Film und seine Kritik an den Verhältnissen abzuarbeiten hat. Dies ist aber eine Art Respekt vor den Toten, für die Edel und Eichinger keine Zeit zu haben glauben. Stattdessen wird nach dem Satz von Mohnhaupt noch gezeigt, wie die Leiche Hanns Martin Schleyers in einem belgischen Waldstück aus dem Auto geworfen wird. Als letztes Bild des Films. Und auch wenn klar ist, dass die Filmemacher nicht den Terroristen das letzte Wort in diesem Film lassen, sondern den Blutzoll ihrer Taten ins Bild rücken wollen - Respekt vor den Opfern sieht anders aus. Und Würde hat ein anderes Gesicht.

          Unauflösbare Widersprüche

          Und auch wenn es nie ganz fair ist, Filme gegeneinander auszuspielen, so muss man doch auch noch erwähnen, dass „Deutschland im Herbst“ nach dem Verlesen des Briefes noch eine Einstellung von der Trauerfeier zeigt, in der man einfach von hinten auf die Trauergemeinde blickt und neben den Söhnen auch Helmut Schmidt sitzen sieht, von dessen Linie in dieser Sache man halten mag, was man will - aber diese eine Einstellung lädt dazu ein, sich vorzustellen, was in seinem Kopf und was in denen der Söhne vorgegangen sein mag, als sie da so saßen. Und das sagt eben mehr über den Deutschen Herbst und die unauflösbaren Widersprüche, als „Der Baader Meinhof Komplex“ je riskieren will.

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