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Video-Filmkritik: „Phoenix“ mit Nina Hoss : Auschwitz und die Frau im roten Kleid

Bild: F.A.Z., Schramm Film Koerner & Weber

Wer angesichts von Christian Petzolds neuem Film „Phoenix“ an Hitchcocks „Vertigo“ denkt, liegt richtig. Aber nicht ganz. Der Film lässt entscheidende Fragen offen.

          4 Min.

          Eine Frau kehrt aus Auschwitz nach Berlin zurück. Ihr Gesicht ist von Schusswunden zerstört, ein Wunder, dass sie das Lager überlebt hat. Sie will wieder aussehen, wie sie davor ausgesehen hat. Sie will ihren Mann finden. Sie will sich selbst und ihr Leben, wie es vorher war, zurück. Als sie ihren Mann wiedertrifft, erkennt er sie nicht. Aber er erkennt eine Möglichkeit: sie nach dem Bildnis seiner totgeglaubten Frau zu modellieren, um an deren Vermögen heranzukommen. Sie lässt sich auf die Charade ein. Sie versucht, nach den Anweisungen ihres Mannes wieder sie selbst zu werden. Sie hofft, damit komme auch die Liebe zwischen ihnen zurück, die er verraten hat.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das ist die Geschichte, die Christian Petzold in seinem Film „Phoenix“ erzählt. „Phoenix“ - „aus der Asche“ ist keine von weither geholte Assoziation, geschmacklos angesichts des Stoffs ist sie auch. „Phoenix“ heißt aber ebenfalls das Lokal im kriegszertrümmerten Berlin, in dem Johnny arbeitet. Johnny ist der Ehemann, der einer Scheidung von seiner jüdischen Frau Nelly zugestimmt und sie vermutlich auch der Gestapo ausgeliefert hat. Johnny wird gespielt von Ronald Zehrfeld, Nelly von Nina Hoss, die beiden sind das Petzold-Paar schlechthin - schon in „Barbara“, seinem vorherigen historischen Deutschland-Film, spielten sie gemeinsam. Sie sehen interessant zusammen aus, sie hoch aufgerichtet, zurückhaltend, streng, er fleischiger, sinnlicher, dem Leben mehr zugewandt. Aber hier spielt Zehrfeld unsicher, als sei ihm seine Rolle nicht ganz geheuer. Und Nina Hoss findet auf die Frage, wie jemand geht, der die Lager überlebt hat, die Antwort: tastend, trippelnd, kraftlos. Und wenn Nelly beginnt, für Johnny sich selbst zu spielen, tut Nina Hoss das geflissentlich, ein wenig unterwürfig. Das ist schwer mit anzusehen. Aber sie gewinnt daraus eine Stärke.

          Auschwitz in der Unterhaltungsindustrie: geht das?

          Die Geschichte von Nelly und Johnny ist mit deutlichen Bezügen auf Kinogeschichten ähnlicher Art erzählt. Das amerikanische Noir-Kino mit seinen harten Kontrasten und uneinsehbaren dunklen Ecken hat tiefe Spuren in „Phoenix“ gezogen, auch wenn der Petzold-Film farbig ist, grell manchmal in Rot und Grün und Gelb, Kameramann war wieder Hans Fromm. Nina Hoss mit verbundenem Gesicht im Beifahrersitz, angehalten an einem Schlagbaum vor einer Brücke - war das nicht so ähnlich in Delmer Daves’ „Dark Passage“, saß da nicht jemand mit verbundenem Gesicht im Auto, aus dem dann Humphrey Bogart wurde? „Phoenix“ sucht diese Traditionslinie, wie auch die zu Hitchcocks „Vertigo“, die noch offensichtlicher ist. Petzold bewegt sich also in einem erzählerischen Raum, den das Kino geschaffen hat. Und erzählt darin eine Geschichte des Unerzählbaren, wie es die realen Lagererfahrungen immer gewesen sind. Er weiß genau, was er tut. Er widmet seinen Film dem Andenken an Fritz Bauer.

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