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Video-Filmkritik: „Phoenix“ mit Nina Hoss : Auschwitz und die Frau im roten Kleid

„Phoenix“ also ist ein deutsches Melodram. Dazu gehört als musikalisches Leitmotiv das Lied „Speak Low (when you speak love)“ von Kurt Weill, dazu gehört das Titelblatt einer französischen Filmzeitschrift, nach deren Vorbild Nelly sich schminken und frisieren lässt, dazu gehören die Kulissen des zerstörten Berlin, die so aussehen, als beginne gleich neben dem Bildausschnitt eine andere Welt, dazu gehören ein rotes Kleid und Schuhe aus Paris, in denen Nelly schließlich bei ihrer nachgestellten Rückkehr ihren alten Freunden entgegentreten wird. Und tatsächlich von niemandem gefragt wird, wie das denn war in den Lagern.

Auschwitz ist Teil unserer Unterhaltungsindustrie geworden. Das ist ein schrecklicher Satz. Es ist auch ein wahrer Satz, und wahr ist er allerspätestens seit Spielbergs Film „Schindlers Liste“, und der ist fünfundzwanzig Jahre alt. Und trotzdem. Gerade bei Filmen, die es wert sind, stellt sich noch einmal die Frage, die seit einem Vierteljahrhundert beantwortet scheint: Geht das? Ist eine dem Lager Entkommene eine Filmfigur wie jede andere? Ihre Geschichte eine, die mit den Mitteln von Genre und Suspense erzählt werden kann? Zu welchem Ziel?

Zu viel in nur einem Liebesversuch

Christian Petzold selbst hat erklärt, ein wichtiger Film in der Vorbereitung auf „Phoenix“ sei Alexander Kluges „Liebesversuch“ gewesen, ein Film über ein Paar, das zu Versuchszwecken von den Nazis nackt in einem Raum eingesperrt wird. Ein Mann und eine Frau, die sich einmal liebten. Und jetzt einander nicht näher rücken, ihre Liebe also vor den Blicken ihrer Folterer schützen, indem sie ihr nicht nachgeben. Petzolds Liebesversuch aber ist die Geschichte einer Rekonstruktion, der Rekonstruktion einer Lebensgeschichte, in der ein rotes Kleid und Schuhe aus Paris eine Rolle spielen, was im Film natürlich großartig aussieht, aber auch eine wichtige Funktion darin hat, wie Nelly für Johnny wiedererkennbar wird. Die Regeln des Genres und die Strategien eines versuchten Betrugs und der verzweifelten Suche einer Frau, die Auschwitz entkommen ist, nach sich selbst fallen hier in eins.

Darin liegt das Unbehagen angesichts von „Phoenix“, vielleicht liegt darin aber auch der Grund für die Unsicherheit der Darsteller, die Brüchigkeit des Ganzen. Vielleicht sind sie nicht Folge, sondern Ausdruck dieses Problems. Nelly sucht nach ihrer Geschichte, nach dem Erzählbaren, und am Ende geht sie als Protagonistin ihrer Rückkehr aus dem Film, nicht als Opfer einer zerstörten Liebe. Das ist ein gutes Ende. Das ist auch ein großer melodramatischer Abgang.

Es gibt noch eine dritte Figur in diesem Film, Nellys Freundin Lene. Die hat die Nazijahre in der Schweiz überlebt und arbeitet für die Jewish Agency. Sie will mit Nelly nach Palästina. Sie weiß, der Bruch in der Geschichte ist nicht zu heilen, es kotzt sie an zu erleben: „Kaum hören die Gaskammern auf zu arbeiten, beginnen wir zu verzeihen.“ In Nina Kunzendorfs Darstellung dieser Lene sehen wir, was wir verstehen, mit ihrer Abwehr von Johnny, ihrer Verzweiflung an Nellys Versuch, etwas wieder ganz zu machen, von dem sie nur fortgehen will - darin sind einige der Zweifel, die sich im Kino beim Zuschauer einstellen, enthalten.

Ist heute eine Überlebende von Auschwitz also eine Kinofigur wie jede andere? Petzold, der zusammen mit dem kürzlich verstorbenen Essayisten und Dokumentaristen Harun Farocki auch das Drehbuch geschrieben hat, zeigt in „Phoenix“ einerseits: möglicherweise. Anderseits: auf keinen Fall.

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