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Video-Filmkritik : Parabel einer Nation: „In ihren Augen“

Bild: Camino

Der argentinische Oscar-Sieger „In ihren Augen“ von Juan José Campanella erzählt von der Geschichte seines Landes als ungelöstem Mordfall und den unentdeckten Möglichkeiten eines Lebens.

          3 Min.

          Eine Liebesgeschichte, die sich nicht erfüllt hat, weil sich der Mann und die Frau einander nicht erklärten. Eine Freundschaft bis in den Tod. Ein brutaler Mord. Obsessionen. Ein Täter, der frei herumläuft, weil er sich als Informant der Geheimpolizei gut macht. Die Perversionen des Militärs, das bald die Macht übernehmen wird, die Gleichgültigkeit der Justiz: Buenos Aires in den Siebzigern.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Juan Josés Campanellas Film „In ihren Augen“, der in diesem Jahr unter anderen „Das weiße Band“ von Michael Haneke bei den Oscars als bester fremdsprachiger Film ausstach (eine Wahl, die von niemandem ernsthaft in Frage gestellt wurde), erzählt von diesen Dingen. Und zwar auf eine Weise, die einerseits von großer Melancholie umhüllt ist, anderseits aber überaus effektiv.

          Campanella hat nicht nur einige preisgekrönte Filme, sondern fürs amerikanische Fernsehen auch einige Folgen der Serie „Law and Order“ gedreht, und er versteht eine Menge von Spannungsbögen, von Rhythmuswechseln, davon, wie lange der Zuschauer Ruhe aushält, bevor die Aktion wieder einsetzen muss, und wie viele Wendungen im Plot er zu glauben bereit ist. So mischen sich Thriller und Melodram und auch ein bisschen Bürosatire, und das alles um vorzuführen, wie sehr die privaten Leidenschaften der Figuren eingebunden sind in die Geschichte des Landes, in dem sie ihr Recht fordern. Man kann den Film auch als Parabel auf ein Land sehen, in dem lange Schweigen herrschte und niemand hinsah, wenn Menschen verschwanden.

          Ein junge Lehrerin, seit kurzem verheiratet, wird brutal vergewaltigt und ermordet. Zwei Abteilungen bei der Polizei schieben den Fall einander zu, bis übellaunig, abgeklärt der Kriminalbeamte Benjamín Espósito (Ricardo Darín) zum Tatort geht. Was er dort aber sieht, wird ihn verändern. Er wird sich in den Fall verbeißen, und ein Vierteljahrhundert lang wird er ihn nicht loslassen. Das wissen wir bereits, wenn wir Benjamín am Tatort sehen. Denn der Film beginnt fünfundzwanzig Jahre später, als Benjamín, inzwischen Pensionär, noch einmal sein altes Büro aufsucht, wo er Irene (Soledad Villamil) wiedertrifft. Damals kam sie nach einer Ausbildung in Amerika als Richterin und Chefin in Benjamíns Abteilung, jetzt will er von ihr die Akten des Mordfalls, über den er ein Buch schreiben will. Wäre es nicht besser, die Sache ruhen zu lassen? Irene hält nichts von abgelegten Fällen. Aber geht es wirklich nur um den Mord, die Verfolgung alter Spuren, oder geht es nicht auch darum, damals unterdrückte Gefühle endlich ans Tageslicht zu holen, sie zu zeigen und sich anzuschauen?

          Natürlich geht es um all das, und das bedeutet: Es geht auch um den Umgang mit der Erinnerung, der eigenen und dem, was in den Akten steht (was nicht immer die Wahrheit ist), darum, wie sich Geschichte im Leben Einzelner ablagert und ob es einen Weg gibt, sich von ihr frei zu machen. Oder sich wenigstens von den Teilen frei zu machen, die Fälschungen oder Täuschungen waren. In die Irre geleitet werden die Figuren immer wieder in diesem Film. Und die Wahrheit, so sie herauszufinden ist, offenbart sich einzig in den Augen derer, denen sie gegenüberstehen. Blickwechsel sind dann auch ein wiederkehrendes Motiv - bei der Identifizierung des Täters aufgrund eines Fotos; bei der Überführung im Verhör; Blickwechsel zwischen Liebenden und zwischen Freunden. Denn die Beziehungen der Männer untereinander sind kaum weniger tiefgründig als die zwischen den Geschlechtern.

          Unerkundete Möglichkeiten eines Lebens

          Da ist zunächst die Freundschaft zwischen Benjamín und seinem Kollegen Pablo, den der argentinische Comedy-Star Guillermo Francella als tragikomischen, nie seine Würde verlierenden Säufer spielt, der niemals lallt und mit dem originellen Anmach-Spruch „Es ist ein Engel vom Himmel gefallen“ auch seine Chefin zum Lächeln bringt. Eine ganz andere, aber ebenfalls tief verankerte Beziehung entwickelt sich zwischen Benjamín und Ricardo (Pablo Rago), dem Mann der Ermordeten. Sein großes Glück, das gerade begonnen hatte, ist zerstört. Seine Liebe nicht. Seine Augen schauen wie tot aus seinem Gesicht, und mit diesem Blick verschwindet dann auch alles Spaßhafte, das der Film in den Anfangsszenen noch hatte, wenn die Beamten Witze rissen oder anzüglich wurden.

          Campanella beobachtet genau. Was mit Menschen geschieht, die von der Vergangenheit nicht loskommen. Wie groß die Leere ist, die sich bildet, wenn Gefühle bleiben, deren Objekte auf immer verschwunden sind. Und er zeigt uns Möglichkeiten, die im Leben seiner Figuren angelegt sind, aber nicht erkundet wurden. Die eigenen Erinnerungen wie die Erinnerungen der anderen Beteiligten zu erforschen, um endlich den Mordfall zu lösen, der damals nicht gesühnt wurde - das ist die einzige Chance für Benjamín, ein Stück dieser unerkundeten Möglichkeiten des eigenen Lebens zurückzuholen.

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