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Video-Filmkritik : Oscar-Preisträgerin Kate Winslet in: „Der Vorleser“

Bild: Senator

Die Verfilmung von Bernhard Schlinks Bestsellerroman muss sich gleich mehreren großen Themen stellen und bricht unter dieser Last fast zusammen. Holocaust, Sexualität, Analphabetismus, das alles zusammen kann der Film nur durch die Glanzleistung von Oscar-Gewinnerin Kate Winslet schultern.

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          In Stephen Daldrys „Vorleser“, der Verfilmung des Romanbestsellers von Bernhard Schlink, öffnet sich der Brunnen der Vergangenheit in dem Augenblick, als der Jurastudent Michael Berg (David Kross) bei einem der Auschwitzprozesse Mitte der sechziger Jahre in Frankfurt der Straßenbahnschaffnerin Hanna (Kate Winslet) wiederbegegnet. Vor zehn Jahren, in einer Stadt, die im Buch große Ähnlichkeit mit Heidelberg besitzt, im Film aber „Neustadt“ heißt und mit Ansichten aus Görlitz bebildert wird, haben sie sich geliebt, der fünfzehnjährige Schüler und die erwachsene Frau. Und nun erfährt Michael, dass Hanna im Zweiten Weltkrieg Aufseherin in einem Konzentrationslager war, dass sie am Tod von Hunderten Häftlingen mitschuldig ist - und dass sie weder lesen noch schreiben kann.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ein Knotengeflecht

          Auch Schlinks Roman ist ein Knotengeflecht großer Themen: Holocaust, Vergangenheitsbewältigung, Sexualität, Analphabetismus, um nur die wichtigsten zu nennen. Und auch Daldry hat die Gefahr gesehen, dass sein Film unter dem Gewicht seines Stoffes zusammenbrechen könnte. Aber anders als Annette Olesen hat er die Zügel der Erzählung nicht gelockert, sondern noch weiter gestrafft. „Der Vorleser“ besteht im Grunde aus drei voneinander unabhängigen Episoden: der Liebesgeschichte, dem Gerichtsprozess und der Rahmenhandlung, in der der gealterte Michael (Ralph Fiennes) Hanna ein letztes Mal wiedersieht. Diese Zersplitterung ergibt sich nicht aus der Struktur der Vorlage, sie ist ein Spezialität von Daldry. In „The Hours“ hat er sie zur Meisterschaft getrieben. Hier wirkt sein Blick unsicher, wie von zu vielen Rücksichten gehemmt.

          Trotzdem ist „Der Vorleser“ ein beeindruckender Film. Und das verdankt er Kate Winslet, die als Hanna Schmitz alles zugleich ist: die Heldin, das Ungeheuer und das Lustobjekt der Geschichte. Einige Kritiker haben Schlinks Roman vorgeworfen, er wecke Verständnis für eine Nazi-Täterin. Das tut auch der Film. Aber Winslet schafft es, dass sie uns dabei zugleich immer unheimlicher wird. Das muss man einfach bewundern.

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