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Video-Filmkritik : Ohne falschen Ton: „Mahler auf der Couch“

  • -Aktualisiert am

Bild: Kinowelt

Vor 150 Jahren wurde Gustav Mahler geboren, vor 100 legte er sich bei Freud auf die Couch - und jetzt hat Percy Adlon darüber einen hinreißenden Film gemacht.

          Manchmal, an ihren nützlichen Rändern, ist die Musik eben doch nicht die chronisch späteste aller schönen Künste. Wie gute Filmmusik funktioniert, das wurde schon lange vor der Erfindung des Films geklärt, erst von Wagner, dann von Puccini und auch in den Symphonien Gustav Mahlers, wobei sich die Mahlerforscher wohl am längsten gegen diese Einsicht gesträubt haben. Aber Mahler war ja überhaupt erst gegen Ende der sechziger Jahre ganz allmählich zur Vordertür in die Konzertsäle hereingelassen worden.

          Heute haben wir drei Möglichkeiten, Mahler zu hören: Entweder als Verliebte, bedingungslos verfallen all den vergifteten Schönheiten dieser Musik. Oder als Opfergang, im Sinne einer therapeutischen Aktion, denn diese Musik greift uns an, sie macht uns nervös und aggressiv in ihrer pittoresken Ruinenhaftigkeit. Oder aber von beidem etwas, komm her und geh weg, als ein Stoß-Mich-Zieh-Dich. Nur lustig finden kann man Mahler eigentlich nicht.

          Percy Adlon hat jetzt einen Film über Gustav Mahler gemacht, in dem schon der zerklüftete Vorspann mit seinen Partiturfetzen und den Rückerinnerungsblitzen und dem Lustgeschrei zum Brüllen komisch ist. Das merkt man aber, weil man ja gewohnt ist, bei Mahler allezeit heiligernst zu bleiben, erst mit Spätzündung. Spätestens dann, wenn Gustav Mahler sich umdreht zu Sigmund Freud, den Hut in der Hand, wieder mal auf dem Sprung, und mit empörtem Tremolo in der Stimme dessen Vermutung, es gebe da eventuell libidinöse Probleme zu bereden, weit von sich weist, da doch bekanntlich er und seine Gattin die allerglücklichsten Menschen seien, einander tiefstverbunden in der Musik. Und gleich sehen wir ihn aus seinem Komponierhäusl stürzen, hinaus in die quietschgrüne, himmelblaue Bergwelt, in Knickerbockern, mit fliegender Locke, er ruft: „Geschafft! Alma! Die Sechste ist fertig!“, und Frau Schindler-Mahler-Gropius-Werfel kommt ihm, natürlich hochschwanger und sehr pastell, vom Seeufer her entgegengerollt, und sie umarmen einander, wozu Kameramann Benedict Neuenfels einen künstlichen Heiligenschein aus Gegenlicht ausbreitet um die beiden, und die Musik lügt, was das Zeug hält. So etwas Herrliches!

          Unerwartet komisch ist dieser klassische Musikfilm. Aber auch noch im hinterhältigsten Kolportagezipfel dieser Mahlerstory, so wie Adlon sie erzählt, steckt ein schwarzer Streifen Melancholie und viel aufrichtige Liebe zum Mitmenschen drin; ja, er macht sich zwar blutig lustig über seine Figuren und deren hanebüchene Story, doch er distanziert sich dabei nicht eine Sekunde lang vom Ernst der Lage.

          Der Film spielt in Gustav Mahlers letztem Lebensjahr. Alle Fakten stimmen vermutlich bis aufs Komma. Zu einem Teil sind die Dialoge direkt aus Briefstellen und Tagebuchnotizen zusammengesetzt, manchmal wenden sich die Nebenrollendarsteller auch aus dem Film heraus direkt an den Zuschauer, sie sprechen ihre Kommentare wie Zeitzeugen in einer Dokumentation. Denn diese Geschichte vom Genie, das am Rande des Abgrunds auf den Knien liegt und in den Teppich beißt, weil „der Teufel es mit mir tanzt“ (so steht es geschrieben in der Partitur zur Zehnten), weil die junge, schöne, dralle Frau an seiner Seite allzu gern auch mit anderen, jüngeren Genies ins Bett stiege und bald auch steigt, diese Geschichte hat sich genau so ereignet: mit ihrer Tragik, ihren Lächerlichkeiten und Rätseln. Und ihren Freudschen Fehlleistungen.

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