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Video-Filmkritik : Nicht viel außer Bildchen: „Nichts als Gespenster“

Martin Gypkens hat Erzählungen von Judith Hermann verfilmt: „Nichts als Gespenster“ ist eine Mischung aus Generationenskizze und Reisekatalog geworden. Und hat ein konzeptionelles Problem.

          Ein Generationenfilm ist eigentlich ein Unding. Schließlich sieht man, wenn man genau hinschaut, immer nur Einzelne an Stelle einer Generation. Und das Kino muss immer genau hinschauen. Statistik und Soziologie sind nicht sein Fach.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Trotzdem gibt es, spätestens seit Nicholas Rays „Denn sie wissen nicht, was sie tun“, immer wieder Versuche, im Kino das Bild einer Generation zu zeichnen. „American Graffiti“ ist so ein Fall, auch Soderberghs „Sex, Lügen und Video“, und in Deutschland hat es Sönke Wortmann mit „Kleine Haie“ probiert. Nicht zufällig spielen Straßen, Autos und auch Kameras in diesen Filmen eine wichtige Rolle. Es geht ums Unterwegssein, um die Zeit des Irrens und Tastens vor den Lebensentscheidungen, und um die Bilder, die man sich dabei von der Welt macht.

          In Wahrheit ein Abenteuer der Form

          Martin Gypkens' Film „Nichts als Gespenster“ beginnt mit dem Geräusch eines Wagens. Dann erst sieht man Ellen (Maria Simon) und Felix (August Diehl), die in einem klimatisierten Jeep durch die Wüstenlandschaft Nevadas fahren. Ab und zu halten sie an, sie fotografiert, er knallt die Autotür hinter ihr zu. Er ist zum Nörgeln, sie zum Glücklichsein entschlossen. Ihre Geschichte bildet die dramaturgische Klammer dieses Films.

          Gleich danach werden in rascher Folge vier weitere Geschichten ausgepackt. Da ist die junge Frau (Fritzi Haberlandt), die am Ufer der Lagune von Venedig steht und in den Wind schaut; dort drüben will sie ihre Eltern besuchen. Da ist die schwarzhaarige Caro, die von ihrer blonden Freundin Ruth am Bahnhof abgeholt wird. Da sind Irene und Jonas aus Berlin, die in einem Flugzeug nach Island sitzen, wo sie von Jonina und Magnus erwartet werden. Und da ist das Haus auf Jamaika, vor dem Christine (Brigitte Hobmeier) sommersprossig in der Sonne liegt und sich von dem dunkelhäutigen Gärtner ihres Gastgebers anstarren lässt. Es gibt Filme, die ihre Spannung aus dem beziehen, was sie erzählen, und andere, deren Reiz eher darin liegt, wie sie es erzählen. „Nichts als Gespenster“ gehört zur zweiten Sorte. Natürlich hat er auch dramatische Momente, aber in Wahrheit ist er ein Abenteuer der Form.

          Nur ein hohler Ton

          Alle diese Geschichten, von Ellen, Caro, Ruth, Jonina und all den anderen, hat die Schriftstellerin Judith Hermann geschrieben, vier davon für ihren zweiten Erzählungsband „Nichts als Gespenster“, eine für ihr erstes, preisgekröntes Buch „Sommerhaus, später“. Es sind Erzählungen vom Reisen und Sichverlieben, vom Bruch der Freundschaft, vom Ende der Ferien und der Jugend. Martin Gypkens hat sie ein wenig retuschiert, er hat ein paar Namen, Daten, Motivationen eingesetzt. Aber im Grunde lässt er sie unangetastet. Denn Gypkens geht es nicht um die einzelnen Geschichten. Es geht ihm um den Strauß, zu dem er sie flechten kann. Deshalb erzählt er sie auch nicht nacheinander, wie im Buch, sondern ineinander verzahnt, als laufendes Mosaik. Er schlägt sie aneinander, um sie zum Klingen zu bringen.

          Und manchmal klingen sie tatsächlich, wie in der Sequenz, in der sich Fritzi Haberlandts Figur von ihren Eltern verabschiedet, während die deutsche Touristin auf Jamaika ein letztes Mal den Gärtner umarmt und die Isländerin Jonina ihrer Ferienliebe adieu sagt. Oder sie spielen ihre ganz eigene Melodie, wie die Titelstory, in der das durch Nevada fahrende Pärchen in dem gottverlassenen Ort Austin eine Geisterjägerin trifft, die ein verfallenes Goldgräberhotel durchkämmt, und einen einheimischen Cowboy, der vom Glück der Vaterschaft erzählt. Aber allzu oft ergeben die visuellen Synthesen des Films, die Verbindungen aus Wellen hier und Wolken dort, aus venezianischem Antipasto, isländischer Roulade, amerikanischem Steak und jamaikanischer Ziegenschlachtung nur einen hohlen Ton, und diese Hohlheit ist keine der Geschichten, sondern eine des Konzepts.

          Nicht Innenraum genug

          Denn es ist eine Sache, ein paar ungefähr gleichaltrige Leute zu zeigen, die zur gleichen Zeit an ganz verschiedenen Orten ganz unterschiedliche Dinge tun, und eine andere, die Stimmungslage einer Generation zu schildern. Letzteres hat Judith Hermann in ihren Erzählungen getan, die das melancholische Grundgefühl der heute Dreißig- bis Vierzigjährigen in immer neuen Variationen durchspielen. Indem Gypkens diese Schattenwelt nach außen klappt, muss er für das Unverfilmbare der Geschichten, ihren Ton, einen Ersatz finden. Aber der Raum, den er ihnen gibt, ist nicht Innenraum genug, er beschwört dieselben exotischen Klischees, mit denen auch die Tourismuswerbung operiert. Man kommt aus „Nichts als Gespenster“ wie aus einem Reisebüro, in dem man angeregt die Kataloge mit ihren bunten Bildchen durchgeblättert hat, um am Ende nichts zu buchen.

          Die einzige der fünf Geschichten, die in Deutschland spielt, handelt davon, wie die Berlinerin Caro (Karina Plachetka) ihre Freundin Ruth (Chiara Schoras) mit dem Schauspieler Raoul (Stipe Erceg) betrügt. Sie ist im Grunde ein Kurzfilm für sich, und es wäre interessant, sie zusammen mit anderen Berlin-Storys von Judith Hermann auf der Leinwand zu sehen, etwa jenen Erzählungen aus „Sommerhaus, später“, die Martin Gypkens noch nicht verfilmt hat. Vielleicht muss man ja gar kein Ticket nach Jamaika buchen, um einen deutschen Generationenfilm zu drehen.

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