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Video-Filmkritik : Erschossen von den Hütern der Ordnung

Bild: DCM

Ryan Cooglers Film „Nächster Halt: Fruitvale Station“ rekonstruiert einen skandalösen Fall von Rassismus: Die Erschießung eines unschuldigen Schwarzen in der Neujahrsnacht 2009. Die Gefühle, die der Film zeigt, sind zu niedlich für diesen Skandal.

          Die Geschichte, die „Fruitvale Station“ rekonstruiert, ist grausam. In der Neujahrsnacht 2009 wurde auf dem Bahnsteig der Haltestelle eines Regionalzugs in der Bay Area von San Francisco ein junger Schwarzer von einem weißen Polizisten erschossen. In den Rücken. Es hatte bei der Einfahrt in die Station im Zug einen Tumult gegeben, den bereits eine Reihe von Fahrgästen mit ihren Mobiltelefonen gefilmt hatten. Offenbar war ein Notruf darüber hinausgegangen. Jedenfalls war die Polizei da, als der Zug stoppte, und die Polizisten zerrten eine Gruppe schwarzer junger Männer aus dem Abteil, setzten sie an eine Wand, brüllten und schlugen auf sie ein. Einer der Polizisten zog schließlich seinen Revoler und erschoss Oscar Grant. Auch dies wurde von anderen Fahrgästen gefilmt. Auf Youtube ist das Material zu finden. Grant war 22 Jahre alt, er hatte eine Frau und eine Tochter.

          Mehrfach ausgezeichnetes Debüt

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ryan Cooglers Film, ein auf zahlreichen Festivals ausgezeichnetes Debüt, rekonstruiert nicht nur die Ereignisse in der unterirdischen Zugstation. Er rekonstruiert den letzten Tag im Leben von Oscar Grant. Und da liegt das Problem dieses Films, der von einem Fall handelt, von dem in den Vereinigten Staaten eine Weile die Spatzen von den Dächern pfiffen, der bei uns aber weitgehend unbekannt geblieben ist. Bei dem tragischen Fall handelte es sich nicht um einen Unfall. Er ist vielmehr ein Beispiel für den täglichen Rassismus, der auch in den Großstädten Amerikas immer noch herrscht. Aber gegen den Film lassen sich dann doch Einwände erheben.

          Nicht, dass Coogler Szenen erfunden hat, wie ihm einige Medien vorwarfen. Er hätte besser noch mehr erfunden! Problematisch ist vielmehr, wie fast dokumentarisch der Film sich gibt, einschließlich der authentischen Handy-Bilder, die er in die Filmhandlung montiert. Dabei handelt es sich doch ganz offensichtlich um einen Spielfilm - mit einem sehr guten Hauptdarsteller, Michael B. Jordan, der uns eine ganze Bandbreite von Emotionen zeigt, von verspielter Nähe zu seiner Tochter über peinlich schlechtes Gewissen gegenüber seiner Freundin, die er betrügt - ebenfalls von authentischer Genervtheit und Trauer und Kraft: Melonie Diaz -, bis hin zu Ansätzen von selbstgerechter Wut, als er seine Arbeit in einem Supermarkt, die er verloren hat, nicht wiederbekommt.

          Das Publikum wird Zeuge einer Läuterung

          Aber im Großen und Ganzen trägt Oscar Grant an diesem letzten Tag seines Lebens einen Heiligenschein - er wirft ein Paket mit Marihuana ins Meer, während er auf den Käufer wartet, er gelobt, seine Freundin nie mehr zu betrügen, er bringt seine Tochter in die Kita, er flirtet mit seiner Mutter, die Geburtstag hat, er will ein besserer Mensch werden, und dazu gehört auch, dem Rat der Mutter zu folgen und mit einem öffentlichen Verkehrsmittel in die vermutlich nicht ganz drogenfreie Silvesternacht zu fahren statt mit dem Auto. Aus Grant wäre, so will dieser Film uns glauben machen, ein friedvolles, wertvolles Mitglied der Gesellschaft geworden. Hätte ein Polizist ihn nicht vorher erschossen.

          Möglicherweise. Aber kommt es darauf an? Hätte nicht jeder Penner, jeder Junkie, jeder Gefährdete, jeder, der noch nicht auf den Pfad zur Tugend gefunden hat, ebenso unverbrüchliches Recht darauf, nicht einfach von der Polizei abgeknallt zu werden? Warum müssen wir Zeuge einer Läuterung werden? Das geht so weit, dass Grant mit einem Bullterrier spielt, der allein vor einer Tankstelle herumtrottet, und dem Tier, als es überfahren wird, bis zum letzten Atemzug Gesellschaft leistet. Selbst wenn es so war (was vermutlich nicht der Fall ist) - hier werden uns Gefühle aufgedrückt, die zu niedlich sind für den Skandal, von dem der Film handelt. Umgekehrt, möchte man rufen, wird doch ein Schuh daraus! Zeigt uns einen Tramp, der Opfer wird, und verlangt dann das Mitgefühl, die Entgeisterung und Empörung, die hier einem jungen Heiligen anheimfällt.

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