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Video-Filmkritik : Mythos für alle: „Mamma mia!“

  • -Aktualisiert am

Bild: Universal

Nach Abba als Musical nun Abba als Film. Meryl Streep in der Hauptrolle der flotten Komödie „Mamma mia!“ sorgt dafür, dass nicht zuviel geschmachtet werden muss und keine hochglanzproduzierten Abba-Hits am Fließband ablaufen. Alle, so die Botschaft, sollen am Abba-Mythos teilhaben.

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          Chiquitita sollte ursprünglich einmal Rosalita heißen. Vermutlich wäre sie auch so ein Hit geworden, aber erst mit den vielen, zu einer schönen Wortbanane gebogenen I-Vokalen war „Chiquitita“ ein typischer Fall der schwedischen Popgruppe Abba, die sich ungern mit Konsonanten oder gar Zischlauten abgab. Was Anni, Björn, Benny und Agnetha mit einem kleinen spanischen Mädchen im Sinn hatten, warum sie sich besorgt nach dessen Befinden erkundigten und mit Chiquitita in Tränen ausbrachen, ist nicht überliefert und geht aus dem Lied nur undeutlich hervor.

          Ist ja auch egal, die Melodie ist in der Welt, und wenn irgendwo auf einem schwimmenden Restaurant auf dem Mekong oder in einer Schnapsbar in Peru die ersten Takte erklingen, dann kann sicher jemand mitsingen. Abba sind globales Schmachtgut, ihre Harmonien hängen irgendwo an den Endorphinen im Gehirn, ihre Texte sind das Schmelzmittel gebundener Rede. Wenn ein Phänomen so universal geworden ist wie Abba, dann herrscht dringende Musical-Gefahr. Siehe „Jesus Christ Superstar“, „Falco Meets Amadeus“, „Freudiana“. Im Falle der vier Schweden heißt das Musical „Mamma mia!“, es enthält fast alle großen Hits (und ein paar kleinere), und es war auf den Bühnen dieser Welt, vom Londoner Westend bis zum Berliner Theater des Westens, so erfolgreich, dass sich eine Verfilmung eigentlich von selbst verstand. Fraglich war nur, ob man auf allen diesen Stufen der Verwertungskette einen letzten Rest Ernst behalten kann oder ob das ganze Geträllere irgendwann in prustendes Gelächter umschlägt.

          Inbegriffe der Männlichkeit

          „Mamma mia!“, der Film, hat die Antwort auf diese Frage an eine große Schauspielerin delegiert. Meryl Streep spielt Donna, eine Amerikanerin, die auf einer griechischen Insel sesshaft geworden ist und eher schlecht als recht ein altes Gemäuer zu einer Herberge umzufunktionieren versucht. Sie hat manchen Sommer der Liebe hinter sich, in einem ganz besonders romantischen Sommer hat sie das Mädchen Sophie empfangen, das inzwischen das heiratsfähige Alter erreicht hat und nun gern wüsste, wer sie zum Altar und in die Hände ihres feschen Bräutigams führen soll. Denn es gibt drei potentielle Väter für Sophie, das geht aus den Tagebüchern ihrer Mutter hervor. Alle drei Männer haben einen Brief mit einer Einladung bekommen, sie haben spornstreichs Folge geleistet und stehen nun an der Mole der griechischen Insel, ohne genau zu wissen, was auf sie zukommt. Sam (Pierce Brosnan), Bill (Stellan Skarsgård) und Harry (Colin Firth) sind nicht einfach ansprechende Individuen, sie sind Inbegriffe der Männlichkeit in allen Schattierungen der modernen Gendertypik.

          Donna ist von dieser Konfrontation, die ihre Tochter heimlich eingefädelt hat, naturgemäß anfangs ein wenig überfordert. In dieser Situation greifen ihre beiden besten Freundinnen Rosie (Julie Walters) und Tanya (Christine Baranski) ein und singen „Chiquitita“: „Chiquitita, tell me the truth. I'm a shoulder you can cry on.“ Ihre Stimmen sind vom Champagner schon ein wenig rauh, zudem ist auf der griechischen Insel das Studio-Equipment nicht zur Hand, mit dem Björn und Benny so perfekt zu arbeiten wussten. Die Musical-Version von „Chiquitita“ ist also deutlich unterproduziert. Unplugged, wenn man so will. „Abba unplugged“ ist eigentlich ein Oxymoron, aber der Film „Mamma mia!“ kriegt es irgendwie hin, dass die Formel aufgeht. Die Hits gewinnen auf der griechischen Insel ein Eigenleben, das der kargen Landschaft angepasst ist. Selbst die großen Tanznummern sehen eher nach einer Vormittagsanimation im Robinson-Club aus als nach Broadway und Busby Berkeley. Und die Griechen stehen in der Regel ein wenig verdutzt neben ihrem Esel und sehen dem närrischen Treiben der Zugewanderten zu. Sie müssen einsehen, dass sich von den beiden Prinzipien, die Nietzsche aus ihrer ehrwürdigen Kulturgeschichte abgeleitet hat, keines durchgesetzt hat: Weder das Dionysische noch das Apollinische bestimmen den Mainstream der Gegenwart, es ist das Abbalinische, auf das sich alles eingependelt hat - ein Zwischenzustand, nicht zu wild, und schon gar nicht zu vergeistigt.

          Abba-Mythologie für alle

          Dass in „Mamma mia!“ die touristische Bewirtschaftung der Abba-Mythologie nicht außer Kontrolle gerät, ist allein Meryl Streep zu verdanken. Sie gönnt sich manchen derben Spaß und genießt es sichtlich, einmal die Fifth-Avenue-Uniform abzulegen und in einem Jeans-Overall herumzulaufen. Aber sie nimmt ihre Rolle ernst und wagt sich schließlich sogar an eine große Arie: „The Winner Takes It All“ bekommt hier eine Emphase, die mit dem Schönklang von „Abba“ nichts mehr zu tun hat. „Mamma mia!“ zeigt Mut zur Peinlichkeit - vielleicht ist das die einzige Möglichkeit, die Perfektion der Hits nicht einfach ins Endlose zu multiplizieren. Chiquititas Tränen werden abgewischt, weggelacht, fortgeschwipst, und aus der allgemeinen Heiterkeit ertönt die Wohlfühlbotschaft dieser Veranstaltung: Nicht alle sind Chiquitita, aber alle - ob Mann, ob Frau, ob „young and sweet and only seventeen“ oder fortgeschrittenen Alters und schon rund um die Hüfte - sind eine „Dancing Queen“. Wer's glauben mag, wird „Mamma mia!“ lieben.

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